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VDI-Gesellschaft Fahrzeug- und Verkehrstechnik

Rückblick Tagungen

Bericht Gesamtverkehrsforum 2005

Ist die deutsche Mobilitätswirtschaft wettbewerbsfähig?

Dipl.-Wirtsch.-Ing. Imma Braun
Prof.Dr.-Ing.Dr.h.c. Eckehard Schnieder


Unter dem Titel „Ist die deutsche Mobilitätswirtschaft wettbewerbsfähig?“ veranstaltete die VDI-Gesellschaft Fahrzeug- und Verkehrstechnik am 16. und 17. November 2005 im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) am Forschungsflughafen in Braunschweig die Tagung Gesamtverkehrsforum 2005 als nunmehr fünfte Veranstaltung dieser Reihe. Verkehr und Mobilität bilden ein komplexes System wirtschaftlicher, technischer und sozialer Wechselwirkungen, die im Zeitalter der Globalisierung und Öffnung der Verkehrsmärkte zu neuen Herausforderungen in volkswirtschaftlicher und unternehmerischer Hinsicht führen. Die Wettbewerbsfähigkeit der Mobilitätswirtschaft ist daher ein Schlüsselfaktor für wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen, Gesellschaft und Institutionen aller Verkehrsträger. Vor diesem Hintergrund stellen sich folgende Fragen:

• Welche wettbewerbsrelevanten Ziele und Gestaltungsmöglichkeiten sowie politischen Rahmenbedingungen bestimmen die zukünftigen Verkehrsmärkte?
• Welche Veränderungen ergeben sich für die Akteure der Mobilitätswirtschaft?
• Welche Technologien und Innovationen unterstützen deren Leistungsvermögen?
• Sind die Geschäftsmodelle und Strukturen zukunftsfähig?

Antworten und Ansätze zu diesen Fragen wurden von namhaften Persönlichkeiten auf dem Gesamtverkehrsforum 2005 vorgestellt, um aus übergreifender Sicht die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Mobilitätswirtschaft zu diskutieren. Unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. Eckehard Schnieder, TU Braunschweig, hatte das Programmkomitee ein erstklassiges Programm mit 16 hochrangigen Referenten aus Politik, Wissenschaft und Industrie zusammengestellt.

Unter dem Leitthema der ersten Sitzung „Wettbewerb - Quo Vadis?“ warf Dr. Hans-Liudger Dienel, TU Berlin, in seinem Eröffnungsvortrag „einen Blick zurück nach vorn auf die deutsche Mobilitätswirtschaft im letzten Jahrhundert“ und leitete aus wirtschaftshistorischen Analogien aus Schienenverkehr, Automobilwirtschaft, Luft- und Schifffahrt und deren perspektivischer Übertragbarkeit auf die heutigen Märkte Marktpotentiale für eine zukünftige deutsche Mobilitätswirtschaft ab.

Frau RegDir Luise Rau, Leiterin des Referats A14 intermodaler Güterverkehr, Spedition, Logistik des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen, erläuterte, dass der Logistikmarkt mit 600 Mrd. Euro Marktvolumen ein bedeutender Bereich der deutschen Wirtschaft sei und prognostizierte ein weiteres Anwachsen dieses Sektors. Zur Unterstützung der künftigen Mobilität treibe die Regierung die Themen Infrastruktur, Liberalisierung des Wettbewerbs und eine integrierte Verkehrspolitik voran und arbeite an einem Masterplan für Verkehr und Logistik, die über die klassische Bundesverkehrswegeplanung hinausgeht.

In seinem Vortrag zur Zukunft der deutschen Bahn in einer Wettbewerbslandschaft diskutierte Prof. Dr. Andreas Knie, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und DB Rent GmbH/DB Fuhrpark, die wirtschaftsstrukturellen und demographischen Entwicklungen Deutschlands in den nächsten 15 Jahren und leitete aus den veränderten Rahmenbedingungen Möglichkeiten für neue und erfolgreiche Geschäftsmodelle der Bahn ab. Er plädierte für die Organisation des Schienenverkehrs im Sinne von Betreibergesellschaften, die regionale Bereiche oder Relationen (Infrastruktur, rollendes Material und Personal) von der DB AG pachten und betreiben, um so einen horizontalen Wettbewerb zwischen den Betreibergesellschaften zu installieren. Prof. Kürner, TU Braunschweig, legte verschiedene Möglichkeiten zur Datenübertragung und Kommunikation in Fahrzeugen dar, die es dem Nutzer ermöglichen, in Automobil, Bahn und Flugzeug jederzeit und an jedem Ort mit den eigenen Endgeräten zu telefonieren oder im Internet zu surfen. Er skizzierte die Technologien und Kommunikationsnetze der Zukunft und zog abschließend das Fazit, dass die Verkehrsmittel auf dem besten Weg sind, sich in mobile Kommunikationszentren zu verwandeln. Günther Kasties, Geschäftsführer der OECON GmbH, stellte die Anwendungsmöglichkeiten von GALILEO für Mobilitätsdienste vor und führte aus, dass sich die verschiedenen Dienste zurzeit noch in der Definitionsphase befinden. Er erläuterte, dass in Braunschweig ein Anwendungszentrum entstehen soll, das die Zertifizierung sicherheitsrelevanter Anwendungen für GALILEO durchführen wird. Michael Clausecker, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Bahnindustrie in Deutschland, hob in seinem Beitrag den Wandel des Bahnmarktes in Deutschland und Europa hervor und zeigte Erfolgsmodelle und Geschäftsinnovationen der Bahnindustrie für die Bahnen von morgen auf. Der abschließende Vortrag dieser Sitzung, der von Dr. Klaus Picard, Hauptgeschäftsführer des deutschen Mineralölwirtschaftsverbands e.V. gehalten wurde, behandelte das Thema Energie für die Mobilität der Zukunft. Neben der langfristigen Versorgungssicherheit mit fossilen Kraftstoffen, die aufgrund der voranschreitenden Technologien, welche mittlerweile auch einen wirtschaftlichen Abbau von Ölsanden ermöglichen, gesichert sei, betonte Picard Möglichkeiten des Einsatzes alternativer Kraftstoffe zur Aufrechterhaltung der Mobilität auch in der Zukunft.

Der Nutzen von Fahrerassistenzsystemen für einen sichereren und effizienteren Straßenverkehr wurde von Dr. Hans-Jürgen Stauss, Leiter der Abteilung Mobilität der Konzernforschung der Volkswagen AG, anhand von Konzepten mittels Fahrzeug-Infrastruktur-Kommunikation präsentiert. Dietmar Dippe, Geschäftsführer der delair Traffic Systems GmbH, stellte Lösungen für den Luftfahrtbereich vor, die durch eine Vernetzung der Planungssysteme am Boden sowie im operativen Betrieb zwischen Bord- und Bodensystemen zu einer Informationsdurchgängigkeit und -transparenz verhelfen und so die Verspätungen im Luftverkehr reduzieren helfen können. Insbesondere hob er dabei die Notwendigkeit einer länderübergreifenden Harmonisierung der Systeme hervor. Werner Sommerfeld, HaCon Ingenieurgesellschaft mbH, betrachtete Softwarelösungen für den Schienenverkehr, die es dem Anwender erleichtern sollen, im Einzelwagen- und Kombinierten Verkehr Zugfahrten zu planen, sowie Applikationen, die es ermöglichen, im Rahmen der Fahrtenplanung Freiladegleise aufzufinden und so eine Verlagerung von Verkehr auf die Schiene unterstützen helfen.

Im Rahmen einer weiteren Sitzung wurden innovative Geschäftsmodelle im Verkehr vorgestellt. So zeigte Prof. Dr. Manfred Wermuth, TU Braunschweig, wie die Ortung von Mobiltelefonen zum einen als Alternative zur klassischen Haushaltsbefragungen bei der Erhebung von Daten über das Mobilitätsverhalten von Verkehrsteilnehmern genutzt werden kann und zum anderen für eine automatisierte Abrechnung von Fahrten im ÖPNV. Prof. Dr.-Ing. Gernot Spiegelberg von der Daimler Chrysler AG stellte ein Konzept zum automatisierten Abfertigen, Waschen und Betanken autonom fahrender LKWs auf abgeschlossenen Betriebsgeländen vor. Dr. Klaus Schaaf, Leiter des Querschnittsressorts Forschung der Volkswagen AutoUni, erläuterte neue Geschäftsmodelle für die Automobilwirtschaft und zeichnete dabei ein Bild einer kundenorientierten Werkstatt der Zukunft, bei der jeder Fahrzeughalter selbst unter fachkundiger Anleitung und mittels Augmented Reality Techniken sein Fahrzeug selbst reparieren kann wie einst beim VW Käfer.

Auch zum Abschluss der Tagung wurden das Thema der Entwicklung der Verkehrswirtschaft und die Zukunft ihrer Akteure modenübergreifend diskutiert. Dr. Markus Ksoll referierte zum Thema Perspektiven für einen europäischen Schienengüterverkehr und ging dabei insbesondere auf die Liberalisierung und zukünftige Marktentwicklung im Schienenverkehr sowie die Rolle der DB AG und deren Entwicklung hin zu einer „europäischen Vollbahn“ ein. Prof. Dr. Karl-Hans Hartwig von der Universität Münster erläuterte Chance und Risiken für Logistiker, Spediteure und Frachtführer im deutschen Straßengüterverkehr unter der Perspektive der EU-Osterweiterung und ging dabei auf unternehmerische und politische Lösungsmöglichkeiten ein. Die Zunahme des Containerverkehrs im Rahmen der Globalisierung und die daraus resultierende Wettbewerbssituation der deutschen Seehäfen wurde von Dr. Bernt Mester von der BLG Logistics Group AG und Co. KG aus Bremerhaven vorgestellt. Der Strategiewandel der Häfen von reinen Umschlagbetrieben hin zu Logistikdienstleistern führt zu einem steten Wachstum der Marktbereiche in der Seeschifffahrt und damit verbunden einem Ausbau der Kapazitäten der deutschen Seehäfen, so Mester.

In seinem Schlusswort hob Prof. Schnieder hervor, dass das Gesamtverkehrsforum 2005 auch dieses Jahr wieder eine exzellente Plattform zur interdisziplinären Diskussion komplexer modenübergreifender Effekte des Verkehrs darstellte und die Vorträge Perspektiven zur Entwicklung einer gesamtverkehrlichen wettbewerbsfähigen deutschen Mobilitätswirtschaft aufgezeigt haben. Insbesondere die anregenden Diskussionen nach jedem Vortragsblock gaben Raum zur angemessenen und ganzheitlichen Erörterung des Komplexes Verkehr aus den verschiedensten Perspektiven, ganz im Sinne eines Forums.

Dieser Artikel ist erschienen in :
"Automobiltechnische Zeitung", Ausgabe 02/2006

Nähere Informationen erhalten Sie unter:
VDI-Gesellschaft Fahrzeug- und Verkehrstechnik
VDI-Platz 1
40468 Düsseldorf
Tel.: +49 (0)211 6214-445 Fax: +49 (0)211 6214-163
 
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