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„Wer schreibt eigentlich diesmal das Editorial?” – „Immer der, der fragt.”

Na ja, es war ja keine rhetorische Frage, man macht das ja
ganz gern – hat auch ein brennendes Thema: Ich las vor
etwa 50 Jahren einen Essay, erschienen bei Klett, Stuttgart,
DM 8,80, rund 100 Seiten stark. Es handelte sich um „Die
zwei Kulturen” von Charles P. Snow. Snow war Wissenschaftler,
Dozent in Cambridge, Aufsichtsratsmitglied der
English Electric Company und – Buchschreiber, Literat. Die
englische Originalausgabe erschien 1959 als „The Two Cultures:
and A Second Look” (was nicht etwa heißt: Mit dem
Zweiten sieht man besser).
Ich dachte jahrelang, sein Thema sei Schnee von gestern und längst gegessen, aber das
war ein Irrtum. Das Leben in Kassel sowie Aktivitäten im VDI, mit dem VDE und für das
TMK (Technik-Museum Kassel) belehrte mich eines Besseren. Zunächst ließ ich die deutsche
Ausgabe des Essays von 1967 antiquarisch suchen. Die Auswahl lag zwischen 40 € und
70 €; ich nahm für 40 € einen Erhaltungszustand, der ebenso gut war wie die Aktualität des
Themas. Bei ihm handelt es sich um die die zwei Welten der Geistes- und der Naturwissenschaft.
Zwischen ihnen besteht eine (zusehends sich verbreiternde?) Kluft des Nicht- und Unverstehens
infolge von Ignoranz, Arbeitsteilung und Spezialisierung. Snow – und viele nach
ihm – hält diese Situation für auch politisch gefährlich. Wenn diese Kluft banalisiert wird
zu einer zwischen „Schöngeist” und „Schlosser” erfährt jegliche Kultur eine irreparable
Trübung. Anzeichen für solche Trübungen fi nden sich allenthalben, wenn auch unrefl ektiert
und unbeabsichtigt, aber immerhin habitualisiert:
Da schreibt C. P. Müller in der FAZ vom 28.1.2010 über „Dampfl okomotiven, Fieseler Storch
und Transrapid” über „große Jungs”, die sich in Kassel der Technikgeschichte angenommen
haben, gewissermaßen „Spätentwickler” gegenüber denen, denen der kurfürstliche Kosmos
am Herzen liegt. Noch viel schöner ist das Beispiel aus der HÖRZU mit der Ankündigung
einer ZDF-Sendung zur „Kulturhauptstadt Europa – Ruhr 2010” (09.01., 15:30 Uhr): „Die
Kulturhauptstadt Europas lockt … ins Ruhrgebiet – Zeugnis der gelungenen Transformation
von der Kohle- und Stahlregion zur Kulturmetropole”. Endlich: Von Dreck und Feinstaub in
die Kultur!
Man erinnere sich: Dafür hatte sich Kassel auch mal beworben.
Immerhin, wenn Technik erst mal alt genug ist, wird sie fast automatisch in den Adelsstand
Kultur erhoben (Pyramiden, Kathedralen, Schwanzhämmer). Auch für Kassels künftiges
Weltkulturerbe wird ja an einer technischen Begründung für die Wasserspiele gefeilt.

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