FacebookStudiVZTwitterMySpaceDeliciousDiggFolkdGoogle
 
 
 
Wir verbinden Kompetenz
Verein Deutscher Ingenieure
Verein Deutscher Ingenieure > Presse
< Neue Studie: In der Krise schlägt Made in Germany Low Cost
16.11.2009

Rückgang von Produktionsverlagerungen in der Krise (mit Studie zum Download)

Statement von Dr. Willi Fuchs zum VDI-Pressegespräch "Neue Studie - Produktionsverlagerung in der Krise" am 16.11.2009 in Düsseldorf

 

Dr. Willi Fuchs, VDI-Direktor
Die Studie sowie die Präsentationsfolien zum Download findet Sie unter "zugehörige Dateien"

Dr. Willi Fuchs
VDI-Direktor

- Es gilt das gesprochene Wort -

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

der Produktionsstandort Deutschland liegt wieder mehr im Trend. Und das in Zeiten einer der größten Wirtschaftskrise. In Zahlen verdeutlicht das unsere neue Studie „Produktionsverlagerungen in Zeiten der Krise“, die wir Ihnen heute gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung vorstellen. Sie untersucht systematisch die Gründe und Effekte von Standortverlagerungen im Verarbeitenden Gewerbe und erlaubt erstmals fundierte Einblicke in das Verlagerungsverhalten deutscher Betriebe in Zeiten der Wirtschaftskrise. Dazu wurden knapp 1.500 Betriebe befragt.

 

Meine Damen und Herren, die Ergebnisse sind beeindruckend. Die Zahl der Produktionsverlagerungen ist um 40 Prozent zurückgegangen. Verlagerten in den beiden Jahren von Mitte 2004 bis Mitte 2006 noch etwa 15 Prozent der Betriebe des Verarbeitenden Gewerbes Teile ihrer Produktion ins Ausland, so waren es von 2007 bis Mitte 2009 nur noch neun Prozent. Das ist der niedrigste Wert seit über 15 Jahren. Und das mitten in der Wirtschaftskrise. Denn erstmals gibt es in wirtschaftlich schwierigen Zeiten keinen Anstieg der Verlagerungen. Statt einer Kostenflucht halten die Unternehmen ihre Kapazitäten lieber zusammen. Und auf jeden dritten Verlagerer kommt mittlerweile ein Rückverlagerer. Sie sehen: Made in Germany schlägt Low Cost. Und das ist gut. Wir erleben eine Renaissance des Produktionsstandortes Deutschland.

 

Während „Made in Germany“ bis heute noch immer ein Synonym für Qualität und Zuverlässigkeit ist, hatte das Image des Produktionsstandortes Deutschland zwischenzeitlich gelitten. Immer mehr Unternehmen verlagerten Ende der 90er Jahre Produktionsstätten teilweise oder sogar ganz ins angeblich attraktivere Ausland. In manchen Jahren erlebten wir geradezu eine Flucht aus dem Standort Deutschland.

 

Warum aber sind viele Unternehmen der Meinung, dass eine Standortverlagerung so attraktiv sei? Als Hauptmotiv gelten weiterhin die Personalkosten. Drei von vier Unternehmen gaben dies als Grund an. Was viele dabei vergessen: Diese Rechnung geht am Ende nicht immer auf. Denn die Personalkosten in der Produktion machen nur einen kleinen Teil der Gesamtkosten eines Produktes aus. 

 

Auch weitere Argumente sprechen nach Unternehmensangaben für eine Verlagerung der Produktion ins Ausland. Punkte wie die Nähe zu Schlüsselkunden oder die Erschließung neuer Märkte sind zwei davon. Diese proaktiven Strategien sind weniger kritisch zu beurteilen als das bloße Schielen nach Kostenvorteilen im Zielland.

 

Meine Damen und Herren, doch gerade bei kostengetriebenen Verlagerungen erweisen sich manche Annahmen als Trugschluss. Denn vor Ort können, wie ich anfangs bereits erwähnte, unerwartete Probleme auftauchen.

 

Hauptverantwortlich für Rückverlagerungen vormals ausgelagerter Produktionskapazitäten sind Qualitätsprobleme am ausländischen Standort. Die eigene Produktion wie auch lokal ansässige Zulieferer erreichen häufig nicht die gewünschte Qualität. Kommen die Zuliefererteile weiterhin aus Deutschland, steigen wiederum die Transport- und Logistikkosten.

 

Es ist offensichtlich: Wer die hohe Qualität deutscher Produkte auch bei der Produktion im kostengünstigen Ausland garantieren will, der zahlt nicht selten drauf. Zudem garantiert das deutsche Zulieferernetzwerk eine große Flexibilität und Lieferfähigkeit. Im Ausland sieht dies leider meist anders aus.

 

Ein weiteres Problem: Die Lohndynamik am neuen Standort wird in die Kalkulation häufig nicht aufgenommen. So ist es wenig verwunderlich, dass auf jeden dritten Verlagerer mittlerweile ein Betrieb kommt, der seine Produktion wiederum nach Deutschland zurück verlegt. Ein zunehmendes Motiv: die Personalkosten.

 

Offenbar sind vor solchen Fehlern auch Spitzenmanager nicht immer gefeit. Aber die zunehmende Zurückhaltung der Manager aus Kostengründen die Produktion ihres Unternehmens zu verlegen, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass „Made in Germany“ derzeit wieder an Wertschätzung gewinnt.

 

Dies zeigt sich auch beim Verlagerungsverhalten nach der Wettbewerbsstrategie der Betriebe. Betriebe, die auf Produktqualität setzen, verlagern nur halb so viel, wie  Betriebe die auf Preisführerschaft setzen.

 

An die Unternehmen, die aus Kostengründen ihre Produktion verlagern wollen, appelliere ich, dies wohlüberlegt zu machen. Ich will niemanden abhalten, eine Verlagerung ins unternehmerische Kalkül einzubeziehen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie wichtig Niederlassungen im globalen Netzwerk sind. Markt- und kundengetriebene Auslandsaktivitäten haben ja durchaus positive Effekte – sowohl für die Unternehmen als auch den Standort Deutschland.

 

Mein Fazit: Niedrigere Personalkosten alleine sollten nicht das treibende betriebswirtschaftliche Argument sein, Produktionsstandorte ins Ausland zu verlagern. Nur eine detaillierte Vollkostenrechnung kann als Entscheidungshilfe dazu dienen, dem Unternehmen und seinen Mitarbeitern eine erfolgreiche Zukunft zu sichern. Optimierungsmöglichkeiten am bestehenden Standort, zum Beispiel die Prozessoptimierung oder die Nutzung von Automatisierungstechniken, liegen häufig brach. Diese auszuschöpfen, ist oftmals nicht nur die intelligentere und anspruchsvollere, sondern auch die wirtschaftlich vernünftigere Lösung.

 

Kreative Lösungen zu finden, war und ist eine der zentralen Stärken deutscher Ingenieure. Damit stärken sie langfristig ihr eigenes Unternehmen – und auch den Technikstandort Deutschland.

 

Lassen Sie mich eine positive Schlussfolgerung ziehen: Der Produktionsstandort Deutschland gewinnt auch in der Krise weiter an Attraktivität. Insbesondere mittelständische Unternehmen haben dies begriffen und holen Produktionskapazitäten nach Deutschland zurück.

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.