Emscher-Lippe BV
Von der Kohle zum Strom - Besichtigung des STEAG-Kraftwerkes Voerde
Fährt man auf der A3 vom Ruhrgebiet in Richtung Norden, sieht man linkerhand große Dampfwolken aus einem Kühlturm steigen. Diese kommen von einem der größten Steinkohlekraftwerke Deutschlands in Voerde am Niederrhein. Nachdem in der Vergangenheit das Leitthema der VDI-Veranstaltungen „regenerative Energien“ hieß, besuchte der Ingenieurkreis Borken/Bocholt zusammen mit den Mitgliedern des AIW und des Refa-Verbandes, nun das mit 2,2GW L eistung größte Steinkohlekraftwerk der STEAG. Das Kraftwerk wurde zu Anfang der 70er-Jahre direkt am Rheinufer gebaut um ausreichend Kühlwasser zur Verfügung zu haben. Der Rhein wird dabei entsprechend den Umweltauflagen um maximal 3°C erwärmt. Die Kohle stammt zu 75% aus den Zechen des Ruhrgebiets und wird vom Mutterkonzern Evonik (ehemals RAG) per Eisenbahn nach Voerde geliefert. Zurzeit wird nur etwa ¼ der Kohle auf dem Weltmarkt beschafft und im Duisburger Hafen auf die Eisenbahn umgeladen. Ein direktes Entladen der Kohle am Kraftwerksufer wird von den Schifffahrtsbehörden aus Sicherheitsgründen nur mit einem eigenen Hafen genehmigt, der aber bereits in Planung ist. So legen zurzeit nur Rheinschiffe zum Abtransport der für die Beton- und Bauindustrie wertvollen Reststoffe aus der Rauchgasreinigung, wie z.B. Flugasche, Schlackegranulat und Gips in Voerde an.
Die 32 Teilnehmer folgten der Führung der Herren Just und Groschek über das Kraftwerksgelände trotz widriger Witterungsverhältnisse und waren froh, sich nach der Besichtigung der Rauchgasreinigung im Kesselhaus und in der Turbinenhalle wieder aufwärmen zu können. Der Ausflug auf das Dach des Kesselgebäudes musste jedoch wegen des starken Windes und des Schneetreibens ausfallen. Allerdings werden wir wohl eine der letzten Gruppen gewesen sein, die die alte Leitwarte des Blocks A vor der anstehenden Revision besichtigt hat. In den nächsten Wochen soll die komplette Leit- und Überwachungstechnik aus den 80er Jahren durch eine moderne Anlage ersetzt werden. Ebenso wird der gesamte Kessel wie alle 4 Jahre geprüft und ertüchtigt. So werden nach dem von der Politik bestimmten Ende des subventionierten Steinkohlebergbaus in Deutschland ab 2018 zwangsläufig die Mengen der verfeuerten Importkohle ansteigen. Diese hat jedoch einen geringeren Brennwert und erzeugt deshalb mehr Asche, wodurch einige Änderungen der Anlage vorgenommen werden müssen.
Bei Kaffe und Keksen folgte anschließend eine Diskussion über die Energiepolitik, in der die besondere Rolle der Steinkohleverstromung als Mittellastkraftwerk und dem damit verbundenen Schwankungen in der Stromerzeugung deutlich wurde. Immerhin entspricht das Kraftwerk Voerde mit seiner Leistung von 2,2GW etwa 1500 mittleren Windkraftwerken (z.B. Enercon E-66 mit 1,5MW), die hier entsprechend den Vorgaben des Netzbetreibers RWE Tag und Nacht innerhalb einer Anfahrzeit von ca. 1h bereitsteht.
Insgesamt gab es auf diesem Ausflug viele Informationen aus erster Hand, die deutlich machen, wie wichtig die Kohleverstromung für die zuverlässige Versorgung mit elektrischer Energie heute und in Zukunft ist und das hier im Gegensatz zur Atomenergie keine ungelösten Entsorgungsprobleme der Reststoffe bestehen. Einzig der Ausstoß von Kohlendioxid ist ein bislang ungelöstes Problem, das jedoch durch ständige Optimierung des Wirkungsgrades von zurzeit 45% und durch eine in Voerde bislang fehlende Nutzung der Abwärme relativiert werden kann.
Zudem ist es wichtig, die durch die Zunahme von regenerativen Energien bewirkten Schwankungen in der Stromerzeugung durch Speicherung und bessere Anpassung der Last an die Erzeugung auszugleichen. Die Hoffnungen ruhen hier auf dem sogenannten „Smart-Grid“, dem intelligenten Stromnetz, das den Verbrauchern den Zustand des Netzes und damit den aktuellen Energiepreis übermittelt. Daraufhin kann ein intelligenter Verbraucher seinen Energiebezug ggf. verschieben und hilft somit Lastspitzen zu vermeiden. So kann z.B. ein Kühlhaus seine Kühlaggregate durchaus einige Zeit später einschalten, ohne dass die Temperatur zu stark ansteigt, eine Waschmaschine kann in der Nacht zum günstigen Tarif waschen usw..
Ebenso ist unter dem Stichwort „Vehicles to Grid“ die Wiedereinspeisung elektrischer Energie aus den Batterien parkender Elektrofahrzeuge in Erprobung. Sollten die für die kommenden Jahre prognostizierten Zahlen an Elektrofahrzeugen Wirklichkeit werden, könnte hier ein sehr großer Energiespeicher zum Ausgleich der Lastspitzen bzw. der Versorgungslücken erschlossen werden. Dadurch könnten die Voraussetzungen zum Ausbau regenerativer Energien über die derzeitigen 13% Anteil an der Stromerzeugung Deutschlands hinaus, geschaffen werden.
(Bericht von Prof. Dr.-Ing. Olaf Just, Leiter des Ingenieurkreises Bocholt/Borken)



