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Erster Norddeutscher Ingenieurtag NorDIT zum Thema „Energieträger von morgen – Wasserstoff eine Zukunftstechnologie?“ am 4. September 2020

Dr.-Ing. Sabine Walter

 

Zum ersten Norddeutschen Ingenieurtag NorDIT zum Thema „Energieträger von morgen – Wasserstoff eine Zukunftstechnologie?“ am 4. September 2020 meldeten sich über 460 Teilnehmer und Teilnehmerinnen an.


Aus gegebenem Anlass wurden die Teilnehmenden nicht als Gäste im Hannover Congress Zentrum begrüßt, sondern aus der videotechnischen Schaltzentrale der Leibniz Universität (LUH). Dort waren Dr. Iris Spieß, Landesvorsitzende aus Bremen, und Prof. Dr. Birgit Glasmacher, Vorsitzende des LV Niedersachsen und des BV Hannover, vor Ort und moderierten den Nachmittag. Prof. Dr. Jürgen Teifke, Sprecher des VDI Verbund Nord, und Dr. Volker Kefer, Präsident des VDI, sprachen Grußworte und wiesen darauf hin, dass es eine der Kernaufgaben des VDI sei, zu gesellschaftlich relevanten Technikthemen, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik miteinander ins Gespräch zu bringen. Das Programm des NorDIT spiegele wieder, dass dies dem Organisationsteam aus Mitgliedern aller Landesverbände hervorragend gelungen sei.


Als Vertreter der Wissenschaft belegte Prof. Dr. Richard Hanke-Rauschenbach vom Institut für Elektrische Energiesysteme der LUH in seinem Hauptvortrag, dass Wasserstoff als Energiespeicher eine Zukunftstechnologie ist. Wasserstoff wird dazu beitragen, auf fossile Brennstoffe zu verzichten („Defossilierung“) sowie die zeitlich und örtlich schwankenden Angebote an erneuerbaren Energien auszugleichen. Dabei nahm Hanke-Rauschenbach nicht nur die Mobilität in den Blick, sondern insbesondere die Grundstoff- und Schwerindustrie sowie die Möglichkeiten zur Sektorkopplung zwischen Strom- und Gasnetz durch Elektrolyseanlagen. Deren großtechnischen Durchbruch verhindern derzeit die rechtlichen Rahmenbedingungen: Eine Elektrolyseanlage wird im Netz als Endverbraucher angesehen und muss EEG Umlage bezahlen. Wenn dies politisch geändert wird, wird Wasserstoff wirtschaftlich. Diesen Appell aus der Wissenschaft nahm Olaf Lies, niedersächsischer Umweltminister und studierter Ingenieur, gerne auf. Er zeigte in seinem engagierten Vortrag klar auf, welche Aufgaben die Politik hat: Strom- und Stoffflüsse parallel denken. Strom verbilligen und fossile Energie verteuern mit Hilfe der CO2 Bepreisung. Der Bevölkerung erklären, dass man eine erfolgreiche Energiewende sehen wird in Form von Stromnetzen und Windenergieanlagen. Da die Industrie der Energie folge, sollten gerade die Norddeutschen die Energiewende als Chance begreifen.


Dass bereits viele Ingenieure und Ingenieurinnen diese Chancen nutzen, zeigten die Vorträge von Vertretern aus norddeutschen Firmen: Dr. Sebastian Gellert von Arcelor Mittal berichtete, dass bis 2024 am Standort Hamburg eine Direkt-Reduktionsanlage zur Eisengewinnung mit Wasserstoff als Reduktionsmittel gebaut werde. Wolle man die gesamte deutsche Roheisenproduktion decarbonisieren, bräuchte man 125 TWh elektrische Energie zur Erzeugung von Wasserstoff - zum Vergleich: 2019 betrug der Nettostromverbrauch in Deutschland 512 TWh. Markus Körner, Vertriebsleiter von Clean Logistics, stellte den Ansatz dieses Start-ups aus Hamburg und Winsen vor: Ziel sei es schwere Bestands-LKW auf die Brennstoffzellentechnologie mit Wasserstoff umzurüsten. Der erste Prototyp wird ab Anfang 2021 zur Verfügung stehen. Nach intensiven Tests ist Körner zuversichtlich ab Ende 2021 mit der Serienumrüstung beginnen zu können. Die Realisierung der dann zusätzlichen Wasserstoff-Tankstellen könnte die Firma JA-Gastechnology aus Burgwedel übernehmen, die von ihrem Gründer und Geschäftsführer Jens Asmuth vorgestellt wurde. Von der weltgrößten Elektrolyseanlage mit 5 MW, die vor allem mit Überschussstrom betrieben wird, berichtete Detlev Wösten, Mitglied der Geschäftsführung der Hamburger Firma H&R GmbH, die Vorprodukte für die chemische Industrie herstellt. Auch Wösten zeigte sich optimistisch, dass über den Wasserstoff eine Decarbonisierung in der chemischen Industrie möglich sei. Nach ersten Schätzungen seien dafür 628 TWh Strom erforderlich. Diese Strommengen müssten erneuerbar bereitgestellt werden. Wie auf einem deutlich kleineren Maßstab die Energiegewinnung aus Wind und Sonne sowie die Speicherung über Elektrolyse-Wasserstoff technisch und wirtschaftlich realisiert werden kann, erläuterte Andre Steinau von der Firma GP Joule aus Reußenköge.


Im Anschluss wurde in fünf Breakout Räumen noch intensiv diskutiert: Dabei reichte die Themenpalette von technischen Detailfragen über wirtschaftliche Strategien bis hin zur Gründung von Start-ups. Nach über vier Stunden online endete der NorDIT. Erste Rückmeldungen zeigen, dass der VDI Verbund Nord eine attraktive Veranstaltung organisiert hat, die Menschen aus ganz Norddeutschland und vereinzelt darüber hinaus zusammengebracht hat.

 

Bericht: Dr.-Ing. Sabine Walter

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