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Richtlinien: Von Regenwurm-Monitoring bis Schraubenberechnung

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Der VDI und seine Aufgaben sind so vielfältig wie seine Mitglieder. Der Verein kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Gegründet 1856 mit dem Ziel „alle geistigen Kräfte der Technik zum gemeinsamen Wirken“ zu bündeln, erschien bereits 1884 die erste Richtlinie. Der VDI sieht sich als Wegbereiter für moderne, nachhaltige Technologien und damals wie heute ist die Erstellung von Handlungsanweisungen und Normen ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit. Wir haben mit Bernd Lenhart, Leiter der VDI-Richtlinien-Redaktion, über Entstehungsprozesse und ausgefallene Richtlinien gesprochen.

VDI: Herr Lenhart, Sie und Ihr Team sind verantwortlich für die Redaktion der VDI-Richtlinien. Damit setzen sie Branchenstandards und sind somit direkt oder indirekt fester Bestandteil des Arbeitsalltags vieler Ingenieure. Wozu eigentlich Richtlinien? 

Bernd Lenhart: Also, VDI-Richtlinien sind in erster Linie Papiere, die helfen, Probleme zu lösen. Sie sind von Experten für Experten gemacht, um unterschiedlichste Fragestellungen direkt zu beantworten. 

Dazu muss man immer sagen, VDI-Richtlinien sind zur freiwilligen Anwendung. Keiner wird gezwungen, eine Richtlinie zu nutzen – ausgenommen die, auf die in gesetzlichen Vorschriften referenziert wird –, aber es empfiehlt sich, da sich andere schon Gedanken zu einem Thema gemacht haben. Außerdem ist es so, dass in Schadensfällen oder anderen Vertragsstreitigkeiten Gerichte sehr gerne auf die allgemein anerkannten Regeln der Technik, zu denen unsere Richtlinien gehören, zurückgreifen. Dann ist es schwer zu argumentieren, warum man eine passende VDI-Richtlinie nicht angewandt hat. 

Und unser Bestreben ist, dass die VDI-Richtlinien allgemein anerkannte Regeln der Technik werden. Wir tun dazu alles. Wir haben ein gleichwertiges Verfahren, wie es auch in der Normung üblich ist, das heißt, wir haben alle interessierten Kreise an Bord und ein öffentliches Einspruchsverfahren.

VDI: Der VDI ist ein Verein der Ingenieure. Das heißt auch, die Themenbreite ist sehr weit. Spiegelt sich diese Vielfältigkeit in den Richtlinien wider? Und wie viele Richtlinien gibt es zurzeit? 

Bernd Lenhart: Unser Themenspektrum ist tatsächlich von A bis Z: Von der Automatisierungstechnik und der Agrartechnik über Wertanalyse bis hin zu Zuverlässigkeit. Dazwischen liegen noch andere große Themenfelder, wie die technische Logistik, die technische Gebäudeausrüstung und die Luftreinhaltung.  

Mit den zurzeit 2.100 gültigen VDI-Richtlinien haben wir ein großes Spektrum. Und unsere zwölf Fachgesellschaften und 53 Fachbereiche, die dafür zuständig sind, welche Richtlinien gemacht werden, bilden die ganze Breite ab. 

Das Richtlinienverfahren selbst läuft ab nach der Richtlinie VDI 1000, das ist die Geschäftsordnung, wie eine Richtlinie entsteht. Das Vorgehen ist bei allen Richtlinien gleich und so gestrickt, dass wir – wie bereits gesagt – ein der Normung sehr ähnliches Verfahren anwenden, also mit öffentlichem Einspruchsverfahren und allen Interessengruppen an Bord. 

VDI: Wie hat man sich den Entstehungsprozess von der Themenfindung, über den Expertenaustausch bis zur fertigen Richtlinie vorzustellen? 

Bernd Lenhart: Das organisieren die Kolleginnen und Kollegen hier im e.V. mit ihren 53 Fachbereichen. Diese Fachbereiche sind zuständig für die Themenauswahl. Ein uns bekannter Experte oder jemand von außerhalb macht einen Vorschlag für eine Richtlinie. Dieser Vorschlag wird dann dem zuständigen Fachbereich zugeordnet und der befindet darüber, ob es in das Portfolio des VDI passt und ob daraus eine VDI-Richtlinie gemacht werden soll. Erst dann beginnt die Richtlinienarbeit.

Das heißt, es werden alle interessierten Kreise angeschrieben und es gibt Aufrufe zur Mitarbeit, und zwar nicht nur bei den uns bekannten Expertenkreisen. Das Feld ist immer sehr weit geöffnet. Wenn wir von allen interessierten Kreisen sprechen, ist es in der Regel ein guter Mix aus Wirtschaft, Hochschule und öffentlicher Hand. 

Dann folgt eine sogenannte konstituierende Sitzung und ab da ist es eine von uns organisierte Ausschussarbeit, wo die Experten die Regularien einer Richtlinienarbeit vermittelt bekommen, quasi auf einem weißen Blatt die inhaltliche Arbeit anfangen, und dann in mehreren Sitzungen im Zeitraum von zwei bis drei Jahren die Richtlinie erstellen. Die Sitzungsfrequenz wird selbst von den Experten vorgegeben. Wenn das Thema sehr relevant ist, ist die Richtlinie häufig schneller am Markt.

Ist der Inhalt vom Richtlinienausschuss verabschiedet, erscheint zunächst ein Entwurf der VDI-Richtlinie, der sogenannte Gründruck. Innerhalb einer festgelegten Einspruchsfrist, die zwischen drei und neun Monaten liegt, kann jeder zu diesem Gründruck einsprechen. Die Inhalte dieser Einsprüche reichen von „Das sehe ich aber nicht so, weil ...“ bis hin zu „Da ist noch ein Tippfehler auf Seite 5.“ Alle Einsprüche werden gesammelt und in einer Einspruchssitzung, zu der jeder Einsprecher eingeladen ist, vom Ausschuss verhandelt. Verabschiedet wird in der Regel dann der „Weißdruck“, also die endgültige Fassung, die dann in Deutsch/Englisch veröffentlicht wird.

VDI: Die technische Entwicklung geht immer schneller voran. Wie können Sie mit Ihrer Richtlinienarbeit bei diesem Tempo mithalten, wenn es um die Aktualität geht?

Bernd Lenhart: Es ist so, dass die VDI 1000 eine Überarbeitungsfrequenz vorsieht. Nach maximal fünf Jahren soll angeguckt werden, ob die VDI-Richtlinie noch aktuell ist. 

Wenn es denn tatsächlich Entwicklungen gibt, in der Normung, der Gesetzgebung oder in der Technik, dann kommt aus den VDI-Gremien, also von den Experten selber, schon der Aufruf oder der Wunsch, die jeweilige Richtlinie zu überarbeiten – und dann wird sie auch überarbeitet. In der Regel ist es so, wenn man einmal einen Weißdruck fertig hat, geht es auch mit der Überarbeitung deutlich schneller. Die entsprechenden Grundlagenteile werden meistens nicht angefasst, aber die Spezifika werden angepasst und die VDI-Richtlinie kann relativ schnell, soll heißen in Halbjahres- bis Jahresfrist, wieder in aktualisierter Fassung auf dem Markt sein. 

VDI: Was ist Ihr Dauerbrenner? Was ist Ihre ungewöhnlichste Richtlinie und was Ihr persönlicher Liebling?

Bernd Lenhart: Die ungewöhnlichste Richtlinie, die ich jemals auf dem Tisch hatte, trägt den Kurztitel „Biologische Verfahren zur Erfassung der Wirkung von Luftverunreinigungen (Bioindikation); Passives Biomonitoring mit Regenwürmern als Akkumulationsindikatoren“. Das war wirklich hochspannend, gerade die Bioindikations-Richtlinien im Umweltbereich sind sehr interessant. Da geht es auch schon mal um Tabakpflanzen, Fichten und ich weiß nicht was, aber mit Regenwürmern war mir dann auch neu. 

Der Dauerbrenner? Einer der Favoriten ist ganz klar, und das freut mich als Maschinenbauer sehr, die Maschinenverfügbarkeitsrichtlinie VDI 3423, die in jeder Produktionsstätte eingesetzt wird. Und mein persönlicher Liebling ist immer noch die VDI 2230, die Schraubenberechnungsrichtlinie, die weltweit zum Einsatz kommt.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Gudrun Huneke.