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Stabwechsel

Stärkere Nutzung interdisziplinärer Expertise in allen Bereichen

Bild: VDI

Dr. Joachim Damasky ist am 15. November auf der Sitzung des Vorstands im Rahmen der ELIV Marketplace in Baden-Baden zum neuen Vorsitzenden der VDI-Gesellschaft Fahrzeug- und Verkehrstechnik gewählt worden. Er übernimmt das Amt im Januar 2023 von Professor Lutz Eckstein, der wiederum zeitgleich das Amt des neuen VDI-Präsidenten antritt. ATZextra hat beide zum Stabwechsel des VDI-FVT-Vorsitzes interviewt.

ATZextra: Herr Professor Eckstein, Sie blicken auf fünf Jahre Amtszeit als Vorsitzender der VDI-Gesellschaft Fahrzeug- und Verkehrstechnik (VDI-FVT) zurück. Was hat sich in dieser Zeit beim VDI und in der VDI-FVT geändert? Inwieweit hat das die Struktur und Arbeit beeinflusst? 

Eckstein: Mobilität ist in den vergangenen fünf Jahren stark in den Fokus des öffentlichen Interesses gerückt sowohl vor dem Hintergrund der Reduktion von Emissionen und der Steigerung der Energieeffizienz, als auch des Potenzials des automatisierten und vernetzten Fahrens, die Verkehrssicherheit weiter zu steigern und im internationalen Wettbewerb eine führende Rolle zu spielen. Wir haben darauf als VDI-Gesellschaft mit vielfältigen Veröffentlichungen, Fachbeiträgen und Veranstaltungen reagiert, das automatisierte Fahren als Fokusthema des VDI ausgestaltet, Lebenszyklusanalysen unterschiedlicher Antriebe publiziert, das Potenzial von Seilbahnen und des elektrischen Fliegens beleuchtet und für den Schienenverkehr innovative Güterwagen konzipiert.

Parallel haben wir die Struktur der VDI-FVT weiterentwickelt. Die in sich schlüssige Matrix aus vier Querschnittsbereichen wurde in fünf Fachbereiche überführt, indem wir die vier Querschnittsbereiche auf den Bereich Kraftfahrzeuge und den Bereich Verkehr abgebildet haben. Dies hat zu Synergien in der Organisation und in der inhaltlichen Arbeit beigetragen. Die Corona-Pandemie hat auch uns gezwungen, die Gremienarbeit stark zu digitalisieren. Die Digitalisierung hat andererseits eine neue Dimension in der öffentlichen Kommunikation ermöglicht, die durch reichweitenstarke Partner wie Alexander Bloch zusätzlich gestärkt wurde. Dank der hervorragenden Unterstützung der ehrenamtlichen Arbeit durch die hauptamtlichen Angestellten es VDI und allen voran Christof Kerkhoff ist es zudem gelungen, eine Reihe neuer Nachwuchsaktivitäten zu starten und zu etablieren, wie das VDI-Racing-Camp und den Wettbewerb „Mobility goes Additive“.

ATZextra: Welche Themenschwerpunkte neben dem Ausbau des automatisierten Fahrens sehen Sie speziell beim Automobil im Rückblick?

Eckstein: Zum einen stellt die Fahrzeugsicherheit seit vielen Jahren einen wichtigen Schwerpunkt der Arbeit unserer VDI-Gesellschaft dar, zum anderen haben wir uns neben dem automatisierten Fahren auch intensiv mit dem Vergleich unterschiedlicher Antriebe befasst. Im Bereich der Fahrzeug- und Verkehrssicherheit beobachten wir zwar einen Rückgang der Zahl der Getöteten im Straßenverkehr. Aber es kommt durch die zunehmende Verbreitung von Zweirädern wie E-Scooter und Pedelecs zu Verschiebungen im Unfallgeschehen. Dank des nachhaltigen Engagements meines Vorgängers Prof. Dr. Rodolfo Schöneburg ist es gelungen, das Format der „Berliner Erklärung zur Fahrzeugsicherheit“ zu etablieren und im Rahmen von parlamentarischen Abenden eine fundierte Diskussion mit der Bundespolitik zu initiieren. Dies wird auch im kommenden Jahr fortgesetzt.

„Das Thema Antriebe hat sich als deutlich brisanter erwiesen“

ATZextra: Bei den Antrieben hat die Politik sich ja sehr einseitig für die Elektromobilität ausgesprochen?! 

Eckstein: Das Thema der Antriebe hat sich als deutlich brisanter erwiesen, da in Politik, Industrie und in der Gesellschaft sehr unterschiedliche Interessen zu finden sind. Wir haben deshalb eine erste, wissenschaftlich fundierte Studie initiiert, die zunächst den herkömmlichen verbrennungsmotorischen Antrieb mit einem batterieelektrischen Antrieb vergleicht. Die Ergebnisse haben eine große, aber auch gemischte Resonanz  erzeugt. Sie zeigen aus meiner Sicht, dass wir vor dem Hintergrund der breit gefächerten Anforderungen unbedingt technologieoffen agieren müssen, was die Wahl des Antriebs anbelangt. Die Art der Diskussion zeigt aber auch, dass ideologisch geprägte Ansichten stellenweise Toleranz und Weitsicht dominieren beziehungsweise blockieren. Unstrittig sollte sein, dass wir von fossilen Energieträgern so rasch wie möglich wegkommen müssen, egal ob in der Stromerzeugung oder in der Erzeugung flüssiger oder gasförmiger Kraftstoffe.

ATZextra: Gibt es Aufgaben, die Sie gerne noch erledigt hätten?

Eckstein: In der Tat gibt es eine Reihe von Themen, die ich gerne noch adressiert hätte. Drei hochaktuelle Themen möchte ich stellvertretend nennen. 

Zum einen das Potenzial von Kommunikation und Vernetzung zwischen Fahrzeugen und auch anderen Verkehrsteilnehmern in Abhängigkeit der „Qualitätsstufen“ der Vernetzung. Ist die Qualität eher gering oder nicht garantiert, so sind Aktualität, Genauigkeit und Vertrauenswürdigkeit einer Information begrenzt und damit der Nutzen eingeschränkt. Wäre die Qualität der Vernetzung hoch, sodass die Latenz, Genauigkeit und Vertrauenswürdigkeit von Informationen bekannt sind, können auch mächtige Aktionen darauf aufbauen. Idealerweise würde es moderiert durch den VDI gelingen, verkehrsträgerübergreifende Standards und Metriken zu schaffen, sodass alle Verkehrsteilnehmer und Verkehrsträger zu einem kollektiven digitalen Zwilling beitragen und von diesem profitieren können.

Das zweite Thema betrifft die Frage nach einer zukunftsfähigen Architektur für Software und Hardware, die agile Updates und Upgrades auch von sicherheitsrelevanten Funktionen erlaubt. Während weitestgehend Konsens dahingehend besteht, dass Software zukünftig in Form von Diensten strukturiert werden sollte, gibt es aktuell noch keinen Konsens hinsichtlich der Middleware, die die funktionale Software mit den unterschiedlichen hardwarespezifischen Betriebssystemen verknüpft. Der VDI könnte als neutrale Plattform die Vereinheitlichung von Schnittstellen und die Systematisierung von Anforderungen an die Middleware unterstützen.

Das dritte Thema betrifft das automatisierte Fahren. Im Projekt PEGASUS wurden die Grundzüge der szenarienbasierten Absicherung von automatisierten Fahrfunktionen erforscht, die mittlerweile international breit aufgegriffen wurden. Kernbaustein ist eine Datenbank relevanter Verkehrsszenarien, die eine wachsende Vielfalt an Herausforderungen enthält. Sie kann durch wissenschaftliche Partner, Unternehmen und Behörden genutzt werden. Der VDI könnte die Harmonisierung von Formaten und Schnittstellen unterstützen und gegebenenfalls diese Datenbank als neutrale Organisation langfristig betreiben. Diese aktuellen Themen werden durch meinen Nachfolger Dr. Joachim Damasky weiter in unserer VDI-Gesellschaft diskutiert. Deshalb würde ich mich über eine Rückmeldung von Ihnen als Leserinnen und Leser zu diesen Themen sehr freuen.

ATZextra: Herr Dr. Damasky, was haben Sie sich für die zunächst drei Jahre Amtszeit als Vorsitzender der VDI-FVT vorgenommen?

Damasky: Zuerst einmal möchte ich die erfolgreiche Arbeit meiner beiden Vorgänger Prof. Schöneburg und Prof. Eckstein fortführen. Sie haben sich in ihren Amtszeiten hervorragend mit unterschiedlichen Herausforderungen intern wie extern auseinandergesetzt. Vor allem aber haben sie – mit fachlich unterschiedlichen Schwerpunkten in der Mobilität – der VDI-FVT und dem VDI insgesamt in Politik und Gesellschaft ein Gesicht und eine Stimme gegeben. Diese wichtige Arbeit muss fortgeführt und intensiviert werden. Die Themen sind zum Beispiel Energieversorgung, Emissionen, Elektrifizierung und Defossilisierung der Antriebssysteme sowie die Erhöhung der Verkehrssicherheit. Unsere Aufgabe hierbei ist die neutrale Begleitung und Aufbereitung technischer Zusammenhänge der notwendigen Veränderungen im Mobilitätsbereich, die den Zukunftsstandort Deutschland nachhaltig festigen.

Ich möchte mit meiner Arbeit den schon eingeschlagenen Weg der verstärkten politischen Sichtbarkeit des VDI und seiner Positionen, aber auch seine Plattformfunktion stärken sowie das Ansehen als unabhängige Organisation festigen und ausbauen. Diese Aufgabe möchte ich gerne mit meinen Kolleginnen und Kollegen in der VDI-FVT verkehrsträgerübergreifend angehen, dazu gehören natürlich auch Kooperationen mit anderen Institutionen, Vereinen und Verbänden. Ein gutes Beispiel ist da sicherlich unsere kürzlich eingegangene Kooperation und Mitgliedschaft im Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR). 

ATZextra: Wie können Sie das erreichen?

Damasky: Wichtig ist es, neben dem Reden auch zu handeln. Das, was in der Vergangenheit schon gut lief, müssen wir stärken und neu identifizierte wichtige Punkte zielgerichtet ausbauen und anpassen. Für uns als VDI-FVT stelle ich mir eine noch stärkere Nutzung unserer interdisziplinären Expertise in allen Bereichen vor – Straße, Schiene, Luft und Wasser. Wir müssen zur Stärkung der Intermodalität (Personen- und Güterverkehr) die ganze Breite der FVT nutzen und dann zielgerichtet einsetzen. Was sicher in diesem Zusammenhang nicht hinderlich ist, ist die Tatsache, dass unser zukünftiger VDI-Präsident eine gewisse Affinität zum Thema Mobilität aufweist. Hier müssen aber auch die Rollen für das Wohl des gesamten VDI richtig verteilt werden.

Lassen Sie mich noch eine Sache anführen, die für uns als Industrie- und Zukunftsstandort in Deutschland existenziell wichtig ist – Nachwuchskräfte. Hier muss es unsere Aufgabe sein, so früh wie möglich die Weichen hin zu MINT-Berufen zu stellen.

ATZextra: Herr Professor Eckstein, Herr Dr. Damasky, in Städten, erweiterten Stadtregionen und Gemeinden ist ein deutlicher Trend zu multimodalem Mobilitätsverhalten zu beobachten. Welche Maßnahmen sind es konkret, die eine Wende zu einem sicheren, umwelt- und klimaverträglichen Mobilitätssystem unterstützen?

Damasky: In der VDI-FVT arbeiten wir gerade an einem Vorschlag für eine neue Fahrzeugklasse M0. Diese soll sich zwischen den klassischen Fahrzeugen der M1-Klasse und den Leichtfahrzeugen der L-Klasse etablieren, um im urbanen und suburbanen Raum eine ressourcenschonendere, energieeffizientere, aber zugleich sichere Fahrzeugklasse für die immer noch stark nachgefragte individuelle Mobilität anzubieten. Dieses Fahrzeugkonzept kann dann, je nach Betriebs- und Geschäftsmodell, mit dem öffentlichen Verkehr kombiniert werden. Wichtig in diesem Zusammenhang ist für die nachhaltige und komfortable Koordination ein gut ausgebautes vernetztes Verkehrssystem als Basis. Hier müssen erhebliche Investitionen stattfinden.

Eckstein: Auch vor dem Hintergrund dieser notwendigen Investitionen erscheint mir eine gemeinsam getragene, positive Vision der zukünftigen Mobilität in Städten und Gemeinden wichtig. Länder wie Dänemark sind uns voraus. Beispielsweise formuliert Kopenhagen den Anspruch, die schönste Fahrradstadt der Welt zu sein – mit einer balancierten Aufteilung des Verkehrs auf Fahrräder, Fußgänger, öffentlichen Nahverkehr und Autos. Für die Umsetzung hat man nennenswert investiert, um schlüssige und attraktive Angebote und Alternativen zu schaffen, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen anlocken. Nur eine funktionierende Volkswirtschaft kann sich die erforderlichen Investitionen leisten.

Interview: Markus Bereszewski, ATZ

Der Artikel erschien zuerst in ATZextra 4/2022

Ansprechpartner im VDI:
Dipl.-Ing. Christof Kerkhoff
VDI-Gesellschaft Fahrzeug- und Verkehrstechnik​​​​​​​
E-Mail: kerkhoff@vdi.de

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