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Bild: metamorworks/Shutterstock.com

Das Potenzial der Automatisierung: Vorfahrt für die autonome Gesellschaft?

Das autonome Fahren könnte zum nächsten großen Meilenstein der Automobilindustrie werden und sowohl die Mobilität als auch viele Lebensgewohnheiten der Menschen nachhaltig verändern – vorausgesetzt, die neue Technologie findet ausreichend Akzeptanz.

„Ich glaube an das Pferd. Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung.“ Angeblich war es Kaiser Wilhelm II., der zu Beginn des 20. Jahrhunderts diese legendäre Fehleinschätzung zur Entwicklung des Verkehrswesens abgab. Heute ist dieser Spruch populärer denn je – Mobilitätsexperten zitieren ihn gerne in ihren Reden und Artikeln zum autonomen Fahren. Ihre Botschaft ist klar: Die Automatisierung wird kommen, ob wir es uns jetzt vorstellen können oder nicht. Darin zumindest scheinen sich alle einig zu sein. Wie stark die neuen Technologien die Gesellschaft verändern werden, weiß hingegen keiner. Das Potenzial für positive Entwicklungen ist indes groß.

Denn das Verkehrssystem in Deutschland steht kurz vor dem Kollaps, und laut einer Prognose des Bundesverkehrsministeriums ist kein Ende in Sicht: Ausgehend von den Zahlen im Jahr 2010 werden die gefahrenen Kilometer des Güterverkehrs bis zum Jahr 2030 vermutlich um 38 Prozent zunehmen und im Personenverkehr um immerhin 13 Prozent. Dabei ist es bereits jetzt zu eng auf deutschen Straßen. Der ADAC hat für 2018 einen neuen Staurekord vermeldet. Die Zahl der summierten Kilometer sei um fünf Prozent gegenüber 2017 gestiegen und würde als Gesamtstrecke 38-mal um den Globus reichen. Das zerrt nicht nur an den Nerven der Fahrer, sondern bringt auch einen hohen volkswirtschaftlichen Schaden mit sich. Die Bundesregierung hatte ihn schon vor einigen Jahren auf 250 Millionen Euro pro Tag geschätzt.

Zu guter Letzt ist der Verkehr natürlich auch ein Problem für die Umwelt. Die wachsenden Autozahlen sorgen dafür, dass die Emissionen an Treibhausgasen bislang trotz des technischen Fortschritts kaum gesunken sind. Kurz: Der Bedarf an neuen Verkehrskonzepten ist groß, und das autonome Fahren könnte zu einem wichtigen Baustein für die Mobilität der Zukunft werden – und die Gesellschaft in vielfacher Hinsicht verändern.

Verändert das autonome Fahren die Arbeitszeiten?

Auf den ersten Blick ist das autonome Fahren für viele Probleme eine Lösung. „Zum Beispiel in ländlichen Gebieten könnten ältere, körperlich eingeschränkte oder chronisch kranke Menschen autonome Fahrzeuge nutzen, um mobil zu bleiben“, sagt Barbara Lenz, Leiterin des Instituts für Verkehrsforschung am Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und Mitglied des VDI-Fachbeirats Verkehr und Umfeld. Dieser Effekt würde es gleichzeitig mehr Menschen ermöglichen, auf dem Land zu leben, was den Druck auf die Städte ein wenig abfangen und den Verkehr besser verteilen würde.

Im nächsten Schritt wäre es denkbar, dass die Insassen die Fahrtzeit produktiv für andere Tätigkeiten nutzen, wenn das Auto, zunächst zumindest auf Teilstrecken wie Autobahnen, die Steuerung komplett übernimmt. „In Umfragen hat sich zwar gezeigt, dass die Insassen in dieser Zeit am liebsten Mails lesen, Musik hören oder andere Formen des Entertainments nutzen möchten. Für manche könnte das Auto aber auch zum Zweitarbeitsplatz werden“, glaubt Lenz. Für die Volkswirtschaft wären Fahrzeiten dann keine verlorene Zeit, sondern eine Zeit der Wertschöpfung.

Die Expertin hält es zudem für möglich, das Verkehrsaufkommen gezielt zu steuern. „Warum sollte man nicht Anreize setzen können, die es den Arbeitnehmern möglich machen, die Bürozeiten so zu wählen, dass sie den Stau im Berufsverkehr vermeiden? Die verbringen dann einen Teil ihrer Arbeitszeit offiziell im Auto und erledigen dort bereits einige Aufgaben. Es gibt viele Gestaltungsmöglichkeiten. Dazu braucht es natürlich zuallererst die Bereitschaft der Arbeitgeber.“

Solche Modelle dürfe man aber überschätzen, weil sie nur für einige Berufsgruppen relevant seien. „Doch es zeigt gut, welchen Einfluss das autonome Fahren auf unsere täglichen Routinen haben könnte.“ Eines Tages werde es selbstverständlich sein, das Kind vom Fahrzeug aus der Schule abholen zu lassen. Das hält Lenz für durchaus denkbar. Sie sagt aber auch: „Wie sich das genau auf den Verkehr auswirkt, lässt sich noch nicht sagen.“

Führt der steigende Komfort zu noch mehr Pkw auf den Straßen?

Das autonome Fahren ist also mit vielen Vorteilen verbunden. Neben dem Komfort steigt zum Beispiel die Sicherheit für die Insassen, weil die meisten Unfälle durch menschliche Fehler entstehen, die dann ausgeschlossen wären. Der Verkehrsfluss würde sich bei einer hohen Zahl autonomer Fahrzeuge durch die gleichmäßige Fahrweise ohne abruptes Gas geben und Abbremsen verbessern. Zudem werden die Fahrzeuge untereinander (Car-to-Car-Communication) und mit Elementen der Infrastruktur wie Ampeln (Car-to-Infrastructure) Daten austauschen. Staus können sie dementsprechend umfahren, weil andere Fahrzeuge ihnen Hindernisse melden, oder der Verkehr verteilt sich von vornherein besser, weil die Fahrzeuge die Positionierungen der jeweils anderen Verkehrsteilnehmer analysieren.

Das klingt nach einer schönen neuen Welt. Doch Lenz warnt: „Unterm Strich wird das Autofahren dadurch stressfreier und komfortabler. Die Attraktivität des Individualverkehrs steigt dementsprechend. Das könnte dazu führen, dass viele Menschen ihr Auto noch häufiger nutzen und vielleicht sogar von öffentlichen Verkehrsmitteln auf den Pkw umsteigen.“ Diesem sogenannten Rebound-Effekt müsse die Politik aus ihrer Sicht aktiv entgegensteuern. „Wenn ich auf langen Strecken im Auto arbeiten oder lesen kann, macht das beispielsweise der Bahn Konkurrenz.“ Vor allem, wenn der Verkehr parallel besser fließe, weil die autonom gesteuerten Lkw keine Lenkzeiten beachten müssten und verstärkt nachts fahren können.

Im Stadtverkehr kommt hinzu, dass derzeit viele Menschen den öffentlichen Nahverkehr nutzen, weil sie nicht im Stau stehen wollen oder bei Privatfahrten mit einer langwierigen Parkplatzsuche rechnen müssen. „Was passiert jedoch, wenn sie sich vom Auto direkt vor dem Einkaufszentrum absetzen lassen können und es dann wegschicken, weil es sich selbst einen Parkplatz außerhalb sucht?“, fragt Lenz. Aus ihrer Sicht kann die Gesellschaft daher vor allem dann von den Vorteilen des autonomen Fahrens profitieren, wenn es zumindest in Ballungsräumen für die Nutzung der Privatfahrzeuge klare Regeln gibt, etwa einen autofreie Innenstadt-Zone, die nur mit E-Shuttles erreicht werden kann.

Muss der Gesetzgeber das Autofahren einschränken?

Muss der Mensch gezwungen werden, sein Auto stehen zu lassen? Einer, der von solchen Reglementierungen nichts hält, ist Prof. Dr.-Ing. Lutz Eckstein, Direktor des Instituts für Kraftfahrzeuge (ika) der RWTH Aachen und Vorsitzender der VDI-Gesellschaft Fahrzeug- und Verkehrstechnik. Nach seiner Meinung werde die langsame Einführung fahrerloser Fahrzeuge in den Ballungsräumen automatisch ein Umdenken mit sich bringen: „Der Verkehr in den Städten läuft schon lange nicht mehr ideal. Automatisierte, elektrisch angetriebene Shuttles können deshalb eine hohe Attraktivität entfalten.“

Mit anderen Worten: Da die volle Automatisierung der Privatfahrzeuge als Letztes umgesetzt werde, hätte sich die Bevölkerung bis dahin bereits an fahrerlose Shuttles oder andere Mobilitätsdienstleistungen gewöhnt. „Natürlich muss man diesen Prozess moderieren, und die Angebote müssen stimmen“, sagt Eckstein. „Ich brauche eine attraktive, durchgängige Mobilitätskette, etwa günstige Fahrpreise der Bahn und eine hohe Taktung der Züge und Shuttles. Autonome Taxen, die günstiger wären, als herkömmliche Taxis, könnten eine ideale Ergänzung sein.“

Fühlen sich die Menschen mit der Technologie sicher?

Solche Zukunftsvisionen lassen sich natürlich nur umsetzen, wenn die Bevölkerung die neue Technologie auch annimmt. Wie ist es also um die Akzeptanz der Gesellschaft bestellt? „Wie es damit aussieht, wissen wir aus verschiedenen Umfragen recht gut“, sagt Lenz. „Etwa jeder Zweite gibt an, sich mit autonomen Fahrzeugen wohlzufühlen.“ Die Umfragen bewegen sich allerdings auf einem recht abstrakten Feld, da die Teilnehmer in der Regel keine umfassenden Kenntnisse darüber haben, was sich durch automatisierte Fahrzeuge möglicherweise verändert. Doch eines ist klar: Unabhängig von der Altersgruppe hängt die Akzeptanz in erster Linie von der Sicherheit der Fahrzeuge ab. „Unfälle, wie es sie in den USA schon mehrfach gegeben hat, führen natürlich dazu, dass die Akzeptanz sinkt – unabhängig davon, ob tatsächlich die Technik versagt hat, oder der Sicherheitsfahrer das System nicht korrekt eingeschaltet hatte“, sagt Eckstein. Der Nutzer braucht einerseits das Gefühl, sich zu einhundert Prozent auf die Maschine verlassen zu können. Andererseits ist die generelle Sicherheit im Straßenverkehr ein wichtiges Argument für autonome Fahrzeuge. Experten schätzen, dass die Zahl der zuletzt 3.265 Verkehrstoten im Jahr (2018) durch die Technologie deutlich sinken könnte.

Werden sich autonome Fahrzeuge in Deutschland schnell verbreiten?

Deutliche Effekte werden aber wohl erst in vielen Jahren spürbar werden. Denn die sogenannte Flottendurchdringung wird ohne Frage langsam erfolgen – die meisten Experten rechnen nach einigen Jahren mit zunächst 20 Prozent, unter anderem abhängig von der Gesetzgebung. Denn derzeit muss im normalen Straßenverkehr noch ein Sicherheitsfahrer an Bord sein. Die größte Hemmschwelle dürfte zunächst der Aufpreis von vermutlich 10.000 Euro pro Fahrzeug sein. Bis die Technologie in der Masse ankommt und günstiger zu haben ist, wird es dauern. Das heißt auch: Es ist mit einer langen Übergangszeit zu rechnen, in der sich die autonomen Fahrzeuge in den normalen Verkehr eingliedern müssen.

„Die Akzeptanz wird daher zusätzlich davon abhängen, ob autonome Pkw von den anderen Verkehrseilnehmern als Hindernisse wahrgenommen werden“, weiß Eckstein. „Beispielsweise überschreiten die meisten Fahrer tendenziell leicht die Geschwindigkeitsbegrenzung. Wie verhält sich aber das autonome Fahrzeug? Umgekehrt nimmt es vielleicht eine Vorbildfunktion ein, etwa beim Reißverschlussverfahren, weil immer genau ein Wagen reingelassen wird.“

Es sind also noch viele Fragen offen. Eine Gesellschaft, die sich nur noch autonom von Maschinen von A nach B bringen lässt, kann sich Eckstein jedenfalls nicht vorstellen. „Es gibt im Verkehr immer Trends in verschiedene Richtungen. So wie es jetzt Fangemeinden gibt, die bestimmte Kleinbusse aufrüsten, wird es am anderen Ende der Skala einen Trend zu autonomen Pkw geben, mit sehr hochwertiger Ausstattung wie einem leistungsfähigen Soundsystem. Das Auto wird damit verstärkt zu einem weiteren Lebensraum.“ Aber eines dürfe man dabei nach seiner Ansicht nicht vergessen: „Die Geschwindigkeit selbst zu beeinflussen, macht schlicht und einfach Spaß.“

Veröffentlichungsdatum: 07. Mai 2019

Autor: Nicole Lücke