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Shutterstock: Tatiana Shepeleva

Künstliche Intelligenz zwischen Chancen und Risiken

Sundar Pichai, CEO von Google LLC, stellt künstliche Intelligenz auf eine Stufe mit Errungenschaften wie dem Feuer bzw. der Elektrizität. Bei möglichen Anwendungen sind der Phantasie kaum Grenzen gesetzt. Jetzt liegt es an Ingenieuren, Stärken herauszuarbeiten, aber auch Gefahren zu erkennen, wie ein Experte erklärt.

„Künstliche Intelligenz, also KI, wird nahezu alle Bereiche unseres Lebens beeinflussen“, sagt Prof. Dr. Volker Wittpahl. Er leitet das Institut für Innovation und Technik (iit) in Berlin. „Das Prinzip KI funktioniert, sobald Daten vorliegen.“ Als Beispiele nennt der Experte Handel und Wirtschaft, aber auch Gesundheit, Freizeit oder Mobilität.

Konsum und Freizeit

„Verkaufen, Vertrieb und Konsum gehören zu den potenziellen Einsatzmöglichkeiten von KI“, erzählt Wittpahl. Moderne Tools helfen Firmen, auf Basis historischer Verkaufsdaten bessere Empfehlungen für Kunden zu entwickeln oder Werbemaßnahmen gezielter einzusetzen. „Bereits heute gibt es Möglichkeiten, Menschen mit Chatbots in eine Richtung zu lenken, um Entscheidungen im Sinne des Unternehmens zu treffen“, so der Experte weiter.

Auch bei der Logistik, um Produkte zum Kunden zu bringen, optimiere KI diverse Prozesse. Damit nicht genug: „Aus dem Bereich der Spiele ist KI auch nicht mehr wegzudenken.“ Historisch habe es hier die ersten Anwendungen gegeben, etwa beim Schach oder beim japanischen „Go“-Spiel. Und der Trend zu immer besseren KI-Anwendungen geht weiter.

Chancen für alle

Wer bei KI vorrangig an Entertainment oder Shopping denkt, wird schnell eines Besseren belehrt. Große Umbrüche sieht Wittpahl in den Bereichen Bildung und Lehre: „KI bietet die Möglichkeit, unser Wissen besser und gezielter zu trainieren und hilft uns somit, individuelle Fähigkeiten weiterzuentwickeln.“ Unabhängig vom Aufenthaltsort – etwa in der Sahelzone oder in Berlin-Prenzlauer Berg, vom Einkommen und vom familiären Hintergrund kann es prinzipiell zukünftig dank KI jedem möglich sein, sich und seine Kompetenzen bestmöglich zu entfalten. „Hier bietet KI wirkliche Lösungen gegen das Ungleichgewicht in der Welt, was den Bildungszugang betrifft.“

Aber auch in etablierten Institutionen wie Schulen oder Hochschulen führt KI vielleicht schon bald zu besseren Ergebnissen. Learning Analytics arbeitet mit Daten von Lernenden, etwa Schulnoten, bereits erworbenem Wissen, Aktivitäten in E-Learning-Systemen oder früheren Prüfungserfolgen, um individuelle Empfehlungen zu geben. Ziel ist, die Chancen eines erfolgreichen Abschlusses zu vergrößern.

Forschung: Per KI mehr Wissen aus Datensätzen

Vor der Wissenschaft macht KI ebenfalls nicht Halt. „Daten könnten zu dem werden, was Fachartikel schon heute sind“, vermutet Wittpahl. „Die Analyse bereits vorhandener Datensätze mit KI-Anwendungen liefert nicht nur schneller neue Fachartikel, sondern auch völlig neue Ergebnisse.“ Nicht immer ist der kreative Part entscheidend, oft geht es um stupide Vergleiche. Tools vergleichen Messdaten aus München, Moskau bzw. Cambridge – und entdecken Phänomene, die bisher niemand gefunden hat. Das heißt, KI wird früher oder später menschliche Forscher überflügeln.

Ein Beispiel: „Komplexe Systeme wie unsere Erdatmosphäre berechnet man mit KI deutlich besser als mit Simulationen früherer Zeiten“, weiß Wittpahl. Theoretisch könne man auch solche Systeme optimieren, um den Klimawandel zu verlangsamen oder um die Artenvielfalt zu erhalten. Problematisch sei jedoch, dass Ergebnisse der KI allein nicht ausreichten. Man müsse die von ihr gefundenen Empfehlungen auch umsetzen – das sei eher eine politische als eine technische Frage. Weitaus unkritischer gestalten sich Prognosen unseres Wetters. KI macht Vorhersagen präziser, da komplexe historische Daten vorliegen.

Medizin: Besser diagnostizieren und therapieren

Große Datenmengen fallen in der Medizin ebenfalls an – und KI leistet viel. Schon heute zeigen diverse Studien, dass Tools Daten aus der Bildgebung prognostisch besser bewerten als Ärzte aus Fleisch und Blut, um beispielsweise Lungenkrebs zu erkennen. Auch bei der Bewertung potenziell maligner Hautveränderungen schneiden solche Tools hervorragend ab.

„Ein Algorithmus interpretiert diagnostische Daten besser als ein Mensch“, sagt Wittpahl. „Die spannende Frage an unsere medizintechnische Zukunft bezieht sich jedoch weniger auf KI als mehr auf das Selbstverständnis von Ärzten: Inwieweit brauchen wir noch Mediziner, falls Rechner neben dem Tomographen öfter zutreffende Diagnosen ausgeben als Fachärzte?“ Um neben Diagnosen auch Therapien zu optimieren, hält der Experte perspektivisch Schnittstellen zu DNA-Sequencern oder OP-Robotern als logischen nächsten Schritt auch für denkbar.

Solche Botschaften hören nicht alle Patienten gerne. Befragungen zufolge ist die Akzeptanz im diagnostischen Bereich noch recht hoch, falls ein Arzt vom Computer unterstützt wird (61 Prozent). Weniger beliebt sind digitale Gesundheits-Coaches (28 Prozent), Organe aus dem Drucker zur Implantation (27 Prozent), smarte Pillen (23 Prozent), Pflegeroboter (20 Prozent), OP-Roboter (19 Prozent) oder Diagnostik ausschließlich per KI (12 Prozent). Dem steht gegenüber, dass in vielen Regionen Deutschlands Fachärzte fehlen – und KI könnte solche Lücken schließen.

E-Gouvernance: Erst die Daten, dann die KI

Ähnliche Probleme kennt man aus der öffentlichen Verwaltung Deutschlands. Sicherheits-, Justiz- und Sozialbehörden stoßen an ihre Belastungsgrenzen. Wer sein Auto ummelden muss, einen Pass benötigt oder gar Unterhaltsforderungen einklagen muss, wartet Wochen bis Monate. Bei Finanzämtern sieht es kaum besser aus.

Alle heimischen Behörden haben eine wichtige Gemeinsamkeit: Bürgeranfragen lassen sich meist über Standardprozesse abbilden, sprich automatisieren. Um hier KI einzusetzen, sind erst einmal Technologien wie E-Government bzw. Verwaltung 4.0 zu implementieren – inklusive zusätzlicher Budgets für eine Digitalisierungsinitiative. Anschließend sind Analysen, Optimierungen, intelligente Prozesssteuerungen möglich, um Standardvorgänge der Verwaltung zu automatisieren. Viele EU-Länder haben große Erfolge nachzuweisen, während Deutschland weit abgeschlagen wurde.

Kreativität: Beethoven oder die Beatles neu interpretiert

In solchen Fällen entlasten innovative Tools bei Routinetätigkeiten. Das Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht erreicht. Im Zeitalter von KI verlieren wir nämlich unseren Alleinstellungsanspruch, kreativ zu sein. Kunst und Musik schöpfen Neues, doch kommen solche Werke nicht mehr zwangsläufig von Menschen. Tools aus der künstlichen Kreativität (KK), einem Teilgebiet der künstlichen Intelligenz, komponieren schon heute Musik nach Maß. Teils handelt es sich um eigene Stücke, teils aber auch um Werke, die großen Meistern oder bekannten Popgruppen wie den Beatles stilistisch nachempfunden werden.

Auch im Bereich der Malerei setzt sich die künstliche Intelligenz langsam durch. Ende 2018 wurde ein KK-Gemälde für 432.500 US-Dollar versteigert. Weitere Arbeitsgruppen untersuchen, ob es gelingt, per KI Gedichte oder Drehbücher zu verfassen – mit ersten Erfolgen. Unser Anspruch, Kreativität anthropologisch als menschliches Merkmal zu betrachten, schwindet zusehends.

Technik allein ist weder gut noch böse

„Das heißt, Algorithmen werden im kreativen oder fachlichen Bereich Menschen mittelfristig gleichziehen oder uns sogar überholen“, fasst Wittpahl zusammen. KI sei per se weder gut noch schlecht, das liege vor allem an unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten. Tools unterstützen die Kriegsführung mit Drohnen, manipulieren Wähler, beeinflussen Kaufentscheidungen oder verbessern Bildung und Gesundheit. „Die Frage ist, wie wir mit solchen Algorithmen umgehen“, gibt der Experte zu bedenken.

Ethische und technische Fragen gehen dabei Hand in Hand. Aus der Praxis nennt Wittpahl den Human-Ressources-Bereich. KI-Tools werten digitale Bewerbungsunterlagen oder Videointerviews aus, um Empfehlungen für Einstellungen zu geben. Unternehmen profitieren, während Menschen mit geringfügigen Defiziten kaum noch eine Chance auf Arbeit hätten. Und kommen in historischen Trainingsdaten überwiegend weiße Männer vor, führt das zur Diskriminierung aller anderen Bewerberinnen oder Bewerber. Das liegt nicht am Algorithmus, sondern am Setting. Ein Tool ist durch wenig repräsentative Trainingsdaten folglich manipulierbar. Das kann versehentlich passieren – oder auch gezielt.

Letztlich entscheidet die Gesellschaft

Bleibt als Fazit: KI lässt sich weder aufhalten noch zurückdrängen. Treiber sind gegenwärtig Unternehmen mit ihrem Streben nach Profit, aber auch nach Effizienz. „Am Ende des Tages müssen wir uns überlegen, wo wir die Technik einsetzen“, so Wittpahl. „Welche Entscheidungen wir an KI abtreten und welche nicht, muss von der Gesellschaft beantwortet werden.“ Viele Bereiche sind gesetzlich reguliert, vom Straßenverkehr bis zum Arzneimittelvertrieb. KI bildet hier keine Ausnahme; deutsche Regulationen sind erforderlich. Themen wie die Bedrohung durch Waffensysteme per KI lassen sich jedoch nur auf internationaler Ebene lösen. Das kann dauern. Als Zwischenlösung bringen Experten einen KI-Ethik-Kodex für Entwickler ins Gespräch.

Es geht aber nicht nur um die Richtung möglicher Entwicklungen, sondern um wirtschaftliche Chancen im Sinne einer globalen Technologieführerschaft. China und die USA sind momentan an der Spitze. Europas Stärke könnte sein, auf hohe Standards beim Datenschutz zu setzen – und Firmen grenzen sich von der Konkurrenz ab.

Veröffentlichungsdatum: 07. Mai 2019

Text: Michael van den Heuvel