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Autonomes Fahren

Mobilität der Zukunft in der Stadt: Radikale Verkehrswende nötig

Im Gespräch mit dem VDI skizziert Dr. Florian Krummheuer, Produktmanager bei mobility inside, die Mobilität der Zukunft in der Stadt. Der studierte Geograph und Verkehrsplaner ist Mitglied des Fachbeirats „Verkehr und Umfeld“ der VDI-Gesellschaft Fahrzeug- und Verkehrstechnik.

VDI:„Automatisiertes Fahren in der Stadt“ ist seit Jahren ein Thema. Was sind Ihre Erwartungen für die Zukunft? Wie sieht Ihre Vision aus?

Krummheuer: Ich lese die Versprechungen der Industrie und sehe Hochglanz-Illustrationen vom vollkommen autonom fahrenden, günstigen und geteilten Auto. Ich steige ein, sage wo ich hin will, mache die Augen zu und schlafe bis ich am Zielort bin. Das finde ich zwar verlockend, halte es aber nicht für die Zukunft, was weniger an technischen Aspekten liegt, sondern vielmehr an den Wirkungen auf das Verkehrssystem. 

Automatisiertes Fahren macht das Auto bequemer, einfacher und je nach Geschäftsmodell wahrscheinlich auch günstiger. Das wird zu Rebound-Effekten führen, die die Utopie zur Dystopie machen. Der Grund: Alles, was das Autofahren in der Vergangenheit bequemer und günstiger gemacht hat, hat dazu geführt, dass immer mehr Autos auf den Straßen unterwegs waren. Die Verkehrsleistung stieg weiter und mit ihr der Ressourcenverbrauch. 

Statt nur auf die Technik zu schauen, müssen wir die Systemfrage stellen. Denn unsere Zukunft ist nach wie vor gestaltbar, aber sie braucht eine Richtungsentscheidung: Wollen wir Autofahren immer bequemer machen oder wollen wir ein Verkehrssystem, das tatsächlich ressourcenschonend ist. Alle sprechen von Verkehrswende, aber diese Systemfrage wagt in der Politik niemand ernsthaft zu stellen.

VDI: Wie könnte das Verkehrssystem von morgen denn aussehen?

Krummheuer: Das Verkehrssystem von morgen ist plattformgesteuert. Alle strategisch denkenden Abteilungen – in den Tech-Unternehmen, den OEMs aber auch in den städtischen Verkehrsunternehmen – haben das erkannt. Was gerade läuft, ist der Kampf um die „Poleposition“. 

Jetzt müssen gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen werden: Wem wollen wir einen Marktzugang erlauben? Wie wollen wir mit Daten umgehen? Wie wollen wir einen Verkehrsmarkt gestalten, der mit Sharing-Fahrzeugen, Taxis, privaten (autonomen) Fahrzeugen, ÖPNV, (E-)Rollern und (E-)Rädern deutlich bunter wird? Wie kann man Diskriminierungsfreiheit herstellen? 

Die Regulierung spielt dabei eine entscheidende Rolle. Wir sehen in anderen durchdigitalisierten Branchen die Macht der Plattformen. Diese Marktmacht führt zu Quasi-Monopolen. Das ist volkswirtschaftlich nicht sinnvoll und kann gesellschaftlich nicht gewollt sein.

Darum muss die Politik gegensteuern und gestalten: Wenn Mobilitätsangebote aus einer oder einigen wenigen Plattformen heraus produziert werden, müssen demokratische Mechanismen Legitimität, Legalität, Integrität und auch eine ökologische sowie volkswirtschaftliche Effizienz im Sinne der Nachhaltigkeit sicherstellen. 

Keine der in anderen Branchen bereits mächtigen Plattformen erfüllt übrigens diese Anforderungen. Doch Mobilität ist kein Streaming-Dienst oder ein Online-Kaufhaus, sondern Teil der Daseinsvorsorge. Dadurch ist sie viel sensibler! 

VDI: Woran hapert es aus Ihrer Sicht? 

Krummheuer: Politik und Gesellschaft, aber auch die traditionellen Mobilitätsanbieter sitzen da ein bisschen wie das Kaninchen vor der Schlange und denken: „Oh Gott, da kommt die Digitalisierung und die Plattformen werden total mächtig und Google hat eh schon alles. Da kann man gar nichts machen.“ Letztendlich muss man den Mut zur Gestaltung haben, sonst hat man schon aufgegeben. 

VDI: Wie sieht bei Ihnen die Mobilität in der Stadt in Zukunft aus? 

Krummheuer: Ich warne davor, zu technikgläubig zu werden. Fahrrad und E-Bike sind schon heute verfügbar und schnell ausbaufähige Lösungen für die Mobilität der Zukunft in der Stadt. Mittelfristig hilft natürlich der massive Ausbau von öffentlichen Massenverkehrssystemen. Denn derart große Kapazitäten schaffen wir nicht mit Robo-Taxen oder Ähnlichem. Diese sind zudem ressourcenschonend und elektrisch betrieben. 

Mit der alleinigen Elektrifizierung der Antriebe von Autos schaffen wir hingegen kein ausreichend effizientes System und deshalb auch nicht die Verkehrswende. 

VDI: Wir müssen also weg vom Individualverkehr? 

Krummheuer: Genau. Da prallen auch Lobbyinteressen aufeinander. Massenverkehrsmittel – so schlimm dieses Wort auch klingen mag – bleiben relevant. Natürlich können Sharing-Angebote helfen, aber immer als Ergänzung zum ÖPNV. Es wird immer Leute und Reiseanlässe geben, die unterschiedliche oder auch höhere Komfortansprüche haben, als der ÖPNV oder das Fahrrad liefern können. 

Nachts, auf dem Land oder in bestimmten Regionen, fehlt die Nachfrage für Massenbeförderungsmittel. Hier haben individuelle, geteilte oder smarte Sharing-Angebote ihre Berechtigung. Auch dafür muss man ein System vorhalten. Aber mit Blick auf den Ressourcenverbrauch muss ein möglichst großer Teil der Verkehrsnachfrage mit den effizientesten Systemen befriedigt werden: Das sind und bleiben Bus, Bahn, Fahrrad und das Zufußgehen. 

VDI: Was muss für eine erfolgreiche Verkehrswende passieren?

Krummheuer: Wer an der Uni Verkehrswissenschaften studiert, lernt seit Jahrzehnten den Dreiklang nachhaltiger Verkehrsplanung: 1. Verkehrsvermeidung, 2. Verkehrsverlagerung und 3. verträgliche Abwicklung des Verkehrs. Die Reihenfolge ist dabei wichtig. Automatisierung, neue Antriebe etc. fallen unter Punkt drei. Wirksamer sind aber die Punkte 1 und 2. Hierfür sind gute ÖPNV-Systeme, eine intelligente Stadtplanung und vernünftige Rad- und Fußwege wichtig. 

Die Verlagerung zum Umweltverbund und die Vermeidung von Verkehr im nötigen Umfang wird es aber nicht ohne Einschränkungen für das Auto geben. Das können Preismaßnahmen wie Citymaut oder Parkraumbewirtschaftung sowie Kapazitäts- und spürbare Geschwindigkeitsreduzierungen sein. 

Vor allem brauchen wir statt Freude am Fahren einen Bewusstseinswandel: Es ist Fakt, dass AutofahrerInnen überproportional zu Lasten ihrer Mitmenschen heute und der kommenden Generationen leben. Das fängt mit Lärm und Platz- sowie Ressourcenverbrauch an und reicht bis zur Gefährdung von Gesundheit und Leben. Der Nutzen des Verkehrssystems Auto wird überwiegend privatisiert, die negativen Folgen gehen jedoch zu Lasten der Allgemeinheit. Das wird sich auch nicht mit neuen Antrieben oder autonomen Fahrzeugen ändern. 

Die Politik auf allen Ebenen muss diesen Bewusstseinswandel begleiten und moderieren. PolitikerInnen, die mit den durchaus interessanten Möglichkeiten von Automatisierung und Digitalisierung letztlich nur den Status Quo unseres Verkehrssystems erhalten wollen, agieren kurzfristig opportunistisch und vergeben langfristig Chancen zur Gestaltung. Sie nutzen neue Technologien als Feigenblatt, um ihre Untätigkeit zu kaschieren. Ich wünsche mir mehr Mut, mit Gestaltungswillen auch zunächst unpopuläre Systemveränderungen anzustoßen. 

Im Ausland gibt es zahlreiche Beispiele, wo man verkehrspolitisch radikaler herangegangen ist, zum Beispiel Paris, Barcelona, Madrid oder Kopenhagen. Diese Städte sind heute stolz auf ihren hohen Radverkehrs- und ÖPNV-Anteil und darauf, den Autoverkehr gebändigt zu haben.

Zum Thema bietet der VDI am 12.12.2019 ein Policy Forum in Berlin an: Automatisiertes Fahren in der Smart City

Das Interview führte Gudrun Huneke.
Redaktion: Thomas Kresser