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Mitgliederversammlung 2017

Mehr als 200 Gäste bei Veranstaltung des VDI OWL im Campus Handwerk

 

Gotthardtunnel: Meisterwerke der Ingenieurskunst

 

Bielefeld. Ein eindrucksvolles, symbolträchtiges Bergmassiv, durchquert von Tunnelsystemen: Der Schweizer Gotthard birgt nicht nur eine Meisterleistung der Ingenieurkunst. Die Herausforderungen der Querung in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft und die Realisierung des 2016 eröffneten neuen Basistunnels für den Schienenverkehr standen jetzt bei der Veranstaltung des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), Bezirksverband Ostwestfalen-Lippe (OWL), im Mittelpunkt. Über 200 Ingenieurinnen und Ingenieure und Gäste zeigten sich beeindruckt von den Zahlen, Daten und Fakten rund um den neuen Gotthardtunnel.

 

Traditionell verbindet der VDI OWL seine Mitgliederversammlung mit einem öffentlichen Gastvortrag und einem Workshopprogramm zu einem gesellschaftspolitischen oder technischen Themenschwerpunkt. Am Montag (27.3.) widmete sich Diplom-Bauingenieur Cornelius Scheifele, Geschäftsführer der Herrenknecht (Schweiz) AG, im vollbesetzten Saal der neuen Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld dem im Dezember freigegebenen neuen Gotthardtunnel.

 

Seit dem 13. Jahrhundert wird das Gebirgsmassiv überquert, 12.000 Menschen jährlich nahmen mit Lasttieren sechs Tage Weg in Kauf. Ab dem Ende des 15. Jahrhunderts gab es eine mit Fuhrwerken und Kutschen befahrbare Route über den Gotthardpass, ab 1615 einen eidgenössischen Postdienst. Wahre Ingenieursleistungen stellten schon die um 1830 eröffnete erste Passstraße, der erste Eisenbahntunnel ab 1882 und der erste Straßentunnel ab 1980 dar. Gastredner Scheifele berichtete in seinem Bildervortrag nach kurzem geschichtlichen Abriss über das komplexe Projekt des Basistunnels mit Ost- und Weströhre (Achsabstand 40 Meter) für die Verlagerung von Güterverkehr auf die Schiene, das er mit der Herrenknecht AG während der 20-jährigen Baugeschichte bis zur Inbetriebnahme 2016 begleitet hat.

 

Der längste Tunnel der Welt

 

Der mit 57 Kilometern pro Röhre längste Tunnel der Welt erforderte mechanische, teilweise von Sprengungen unterstützte Vortriebsarbeiten mit eigens entwickelten Tunnelbohrmaschinen (TBM). Der Vortrieb „durch wechselhafte, teilweise sehr anspruchsvolle geologische Zonen im Fels“, erfolgte über mit sogenannten Rollenmeißeln bestückte, riesige Bohrköpfe. Allein 23.000 aufbereitete Meißel mit einem Stückgewicht von 120 Kilogramm fraßen sich bis zum erneuten Verschleiß durch den Fels, darunter auch Dolomit. „Der Meißelwechsel fand bei engsten Platzverhältnissen und saunaähnlichen Temperaturen im Innern des Bohrkopfes statt, wahrlich kein Zuckerschlecken“, so Scheifele.

 

Eine zusätzliche Herausforderung: Im Nordabschnitt löste sich eine Schicht feines Material und deckte eine der Maschinen derart ein, dass sie blockiert war – die Freilegung unter Tage dauerte fast ein halbes Jahr. Auch logistisch stellte das Projekt „eine Mammutaufgabe“ dar: Der Zugang zur Hauptröhre erfolgte über kilometerlange Stollen und Schächte. Der herausgebrochene Ausbruchmaterial wiederum (24,7 Millionen Tonnen, 13,3 Millionen Kubikmeter, entspricht fünfmal dem Inhalt der Cheopspyramide) wurde abtransportiert. Mensch und Technik bewältigten alle Herausforderungen nach Plan, so dass die im Norden ab Erstfeld eingesetzten Tunnelbohrmaschinen „Gabi 1“ und „Gabi 2“ und die von Süden ab Bodio vorrückenden „TBM-Kolleginnen“ „Heidi“ und „Sissi“ schließlich die Durchstiche schafften.

 

Im Anschluss begann der bahntechnische Ausbau der beiden Röhren. Seit dem 11. Dezember 2016 fährt der reguläre Bahnbetrieb. In naher Zukunft folgt das nächste Großprojekt: die Sanierung des zweispurigen Straßentunnels – mit unfallträchtigem Gegenverkehr – nach über 35 Betriebsjahren. „Hierzu wurde einmal mehr das Schweizer Volk befragt“, schloss Scheifele, „es hat sich entschieden. Und zwar für eine zweite Röhre.“ Nach der Mitgliederversammlung – bei der Professor Dr.-Ing. Rainer Barnekow (Hochschule Ostwestfalen-Lippe) zum neuen Vorsitzenden und Professorin Dr. Merijam Gotzes (Hochschule Hamm-Lippstadt) zur neuen 2. stellvertretenden Vorsitzenden gewählt wurden – stand der Gastredner beim Ausklang mit Imbiss weiter fachlich detailliert Rede und Antwort.

 

 

 

von links: Wolfgang Borgert (stellv. Hauptgeschäftsführer, Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld), Axel Geschow (VDI OWL), Prof. Rainer Barnekow (VDI OWL), Prof. Merijam Gotzes (VDI OWL), Klaus Meyer (VDI OWL), Cornelius Scheifele (Geschäftsführer der Herrenknecht (Schweiz) AG) (Bild: VDI OWL/Martina Bauer)
Mitgliederversammlung 2017
(Bild: Herrenknecht AG (Schweiz))
Mitgliederversammlung 2017
(Bild: VDI OWL/Martina Bauer)
Mitgliederversammlung 2017