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Lia Polotzek

Vom Mythos des grünen Wachstums - Innovationen ohne Umbruch?

Bild: VDI OWL/Nitschke Fotografen

Musikalisches Intermezzo

Bild: VDI OWL/Nitschkefotografen

ing.meet.ing

Das Treffen der Technik von VDI und VDE OWL

Bild: VDI OWL e.V.

Dr. Franz Alt

"Wie viel Kommuniaktion braucht die Menschheit?"

VDI OWL e.V.

Rupert Neudeck

„Abenteuer Menschlichkeit – Abenteuer Möglichkeit - was Ingenieure leisten können"

Prof. Dr.-Ing. Hans-Jörg Bullinger

„Industrie 4.0 – welche Rolle spielt der Mensch ?“

Bild: VDI OWL/Christian Weische
Bild: VDI OWL/Christian Weische

Musikalisches Intro

Bild: VDI OWL/Christian Weische

Gäste

Bild: VDI OWL/Nitschke Fotografen

Musikalische Pause

Bild: VDI OWL/Nitschke Fotografen

Dr.-Ing. Thomas Sauter-Servaes

„Autocalypse now? Autonomes Fahren verändert alles“

Bild: VDI OWL/Hanna Retz

Ingenieurwissen gefordert bei Alternativen zu Wachstum und Konsum

Rund 250 Gäste hören beim ing.meet.ing # 15 von VDI und VDE OWL in der Hechelei eine kritische Bestandsaufnahme

Bielefeld/Ostwestfalen-Lippe/Berlin. Grünes Wachstum ist kein Allheilmittel gegen Klimakatastrophe, wachsenden Rohstoffverbrauch und steigende Müllerzeugung. Eine sofortige Kehrtwende von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ist notwendig, um die sich global ausweitende Krise zu entschärfen. So lautete das Fazit von Lia Polotzek vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), Gastreferentin zum Thema „Vom Mythos des Grünen Wachstums – Innovationen ohne Umbruch?“ beim ing.meet.ing 2020. Die 15. Veranstaltung des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI OWL) und des Verbands der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE OWL) mit Podiumsdiskussion in der Bielefelder Hechelei verfolgten rund 250 Ingenieurinnen und Ingenieure, Studierende und Gäste aus der Region.

Lisa Polotzek redet Tacheles, freundlich, sachlich. Die Politik- und Wirtschaftswissenschaftlerin denkt und arbeitet als Referentin für Wirtschaft, Finanzen und Handel beim BUND (Berlin) international. Ihre Schwerpunkte: die aktuelle Handelspolitik der EU, die negativen ökologischen und sozialen Auswirkungen des Wirtschaftens sowie eine sozial-ökologische Umwandlung des Wirtschaftssystems. Sie spricht von Krise, nicht von Wandel, hält Zahlen, Daten und Fakten parat – von den „ungemütlichen, traurigen Orten ökologischer Krisen“, aus Wissenschaft und Politik.

Drei bedeutende Krisen weltweit

Drei ökologische Krisen führt sie an, „die derzeit unsere Gemeingüter, Boden, Wasser, Luft und die Biodiversität bedrohen: die Klimakrise, das Artensterben und die Ressourcenkrise“.

Drei bedeutende Krisen weltweit

Drei ökologische Krisen führt sie an, „die derzeit unsere Gemeingüter, Boden, Wasser, Luft und die Biodiversität bedrohen: die Klimakrise, das Artensterben und die Ressourcenkrise“. Derzeit steuere die Weltgemeinschaft laut Wissenschaft auf eine Erderwärmung um drei bis vier Grad zu. Demnach wären um das Jahr 2100 viele Orte in der Welt unbewohnbar, „halb Europa“ werde zur Wüste, so die BUND-Referentin, „ähnlich schlimm: Täglich sterben 150 Arten aus. Einer Studie zufolge werden wir in 100 Jahren keine Insekten mehr haben“.

Sie wolle „keine Schauermärchen“ verbreiten, sondern auf „die extrem dramatische Situation“ hinweisen, so Polotzek. Klimakrise wie Artensterben würden begünstigt durch die Ressourcenkrise. Durch die extreme Ausschöpfung gehe Land verloren, Wälder würden für die industrielle Landwirtschaft oder die (Palm-)Ölgewinnung gerodet. Es gelte, innerhalb der planetarischen Grenzen zu wirtschaften.

Folgen von Zinnabbau und Ölförderung

Polotzek nannte zwei Beispiele der weltweiten BUND-Partnerorganisation „Friends of the Earth“. Diese kämpfe im indonesischen Bangka gegen die Ausweitung des Zinnabbaus, der ein Drittel des weltweiten Bedarfs decke, einhergehend mit der Vernichtung eines Großteils der Wälder und des Ackerlands. In Uganda gehe es um die Verhinderung großflächiger Ölbohrungen des französischen Total-Konzerns im Nationalpark „Murchison Falls“. 50.000 Menschen müssten dafür umgesiedelt werden.

Lässt sich Ressourcenverbrauch vom Wirtschaftswachstum entkoppeln? Dieser verbreiteten Idee des „Grünen Wachstums“ ging Lia Polotzek anhand verschiedener wissenschaftlicher Studien auf den Grund. Eine Entkoppelung müsse global, nicht lokal erfolgen: Umweltauswirkungen einer Produktion müssten auch die Importe berücksichtigen, die andernorts zu Flächen-, Energie- und Wasserverbrauch führten. Technische Innovationen allein seien ebenfalls keine Lösung, da sie häufig zu Problemverlagerungen führten. So ziele Digitalisierung darauf, Arbeit einzusparen und nicht Ressourcen. Auch trete infolge von Energie- und Ressourceneinsparungen in unseren Gesellschaften häufig ein sogenannter Rebound-Effekt ein: der allgemeine Verbrauch steige an gleicher oder anderer Stelle. Eine absolute Entkoppelung, ein Wirtschaftswachstum bei sinkendem Ressourcenverbrauch, sei so de facto unmöglich.

„Grünes Wachstum ist unrealistisch“

Ihr Blick auf die Politik – nicht weniger kritisch. Alle Parteien predigten grünes Wachstum, in Brüssel wie in Berlin. Dabei würden kleine Pflänzchen oft zunichte gemacht, größere Strategien liefen ins Leere. Ob Wasserstoff-, Rohstoff-, Bio-Ökonomie- oder Umwelt-Effizienz-Strategie – alle seien bei näherer Betrachtung zu kurz gedacht. Der Ansatz, beispielsweise in der Automobilität, der Stahl-, Zement- oder Chemie-Branche zur Reduzierung der CO2-Emissionen fossile Stoffe durch Biomasse zu ersetzen, funktioniere nicht. Der Grund: Es brauche enorm viel Biomasse, und diese wiederum enorme Flächen. Ähnlich verhalte es sich mit der Wasserstoffwirtschaft. Zudem werde eine progressive Umweltpolitik, der Prozess hin zu einem nachhaltigen Wirtschaftssystem von einigen wenigen großen Unternehmen blockiert.

Abschließend lenkte Lia Polotzek den Blick auf die Gesellschaft und mögliche Handlungsansätze. „Wirtschaftswachstum ist unser Indikator für Wohlstand. Allerdings müssen wir uns angesichts der großen ökologischen Krisen Fragen stellen, müssen etwas ändern. Wir fahren vor die Wand“, so ihre Aussage. Wie lasse sich in Zukunft das Wirtschaften so ausgestalten, dass in den reichen Nationen eine Reduktion von Produktion und Konsum stattfinde? Wie ließen sich demokratisch Prozesse einleiten hin zum Wohlergehen aller inklusive ökologischer Nachhaltigkeit?

BUND hält Vorschläge parat

Der BUND habe nicht d i e Lösung, aber Vorschläge. So habe die Organisation zusammen mit Greenpeace, DGB, Brot für die Welt und weiteren die Initiative Lieferkettengesetz gestartet. Dieses soll deutsche Unternehmen zu Umweltschutz und Achtung der Menschenrechte auch im Ausland verpflichten. Eine Umverteilung sei gefragt. Internationale Abkommen mit Obergrenzen für den Rohstoff- und Flächenverbrauch, Förderung gemeinwohlorientierter Unternehmen, Besteuerung aller Konzerne, Regionalisierung von Wertschöpfungsketten („Milch und Fleisch nicht nach Australien exportieren“), eine Entschleunigung der Gesellschaft, Grundeinkommen für alle – so lauten einige der BUND-Ansätze.

Manches klinge radikal, so Polotzek. Gefragt sei eine Herangehensweise „Out of the Box“, kreatives und ungewöhnliches Denken und Hinterfragen, der Blick über den Tellerrand, über Grenzen hinweg. „Das können Ingenieurinnen und Ingenieure. Der Ingenieurberuf ist einer der wichtigsten beim klima- und umweltfreundlichen Umbau unserer Wirtschaft“, betonte die BUND-Expertin. Den VDI lobte sie für das Kampagnenthema 2020, „Zirkuläre Wertschöpfung“, initiiert 2017 vom Bezirksverein OWL mit einer gleichnamigen Veranstaltungsreihe. 2019 hat der VDI OWL mit fünf Netzwerkpartnern das Projekt CirQuality OWL gegründet, zur Erarbeitung neuer Ansätze, Lösungen und Strategien für zirkuläre Wertschöpfung für den Produktionsstandort Ostwestfalen-Lippe. Die von 60 Unternehmen unterstützte Initiative wird aus NRW-Landesmitteln mit knapp 1,2 Millionen Euro gefördert.

Ing.meet.ing mit kritischen Themen

Mit ihrem 2003 gestarteten jährlichen Technik-Treffen ing.meet.ing haben sich die Verantwortlichen von VDI und VDE in der Region immer wieder kritische Stimmen eingeladen: Dr. Michael Braungart über „Intelligente Verschwendung – das Ende des Mülls“ (2015), Dr. Rupert Neudeck zum Thema Menschlichkeit (2010), Prof. Dr. Klaus Töpfer über den Weltfrieden und Ressourcengerechtigkeit (2009), Prof. Dr. Dr. Franz Radermacher über Globalisierung mit Verantwortung (2008) oder Arved Fuchs über den Klimawandel und die globalen Folgen individuellen Handelns.

Entsprechend unterstrich Klaus Meyer vom Vorstand des VDI OWL, Moderator des Abends, die Forderungen Lia Polotzeks. „Denkt out of the box, fasst die Probleme mal ganz anders an“, forderte er die Ingenieurkolleginnen und -kollegen auf, „und mischt Euch auch politisch ein.“ Rolf de la Haye, Vorsitzender des VDE OWL, appellierte an die Politik, vor Förderung neuer Technologien die Ingenieursexpertise einzuholen.

Podiumsdiskussion mit Problemlösern

Bei Miele verbinde man traditionell Nachhaltigkeit, ökonomisches und soziales Handeln, so Dipl.-Ing. Christoph Wendker, Direktor für Technisches Produktmanagement und Nachhaltigkeitsfragen bei dem familiengeführten Hausgeräte-Hersteller (Gütersloh). Hier richte man die Aktivitäten des Unternehmens zunehmend an den 17 Nachhaltigkeitszielen der UNO aus. Eine Online-Plattform für fehlerhafte oder überschüssige Materialien und Produkte stellte Katharina Dombrowski, Gründerin und Geschäftsführerin der ReUse & Trade GmbH (Paderborn), vor.Brauingenieur Jan-Karl Nielebock, Anwendungsmanager für Lebensmittel und Getränke bei der Xylem Services GmbH (Herford), brachte ein radikales Beispiel für die Möglichkeiten der Ingenieurkunst. Mit neuartigen Aufbereitungsmethoden zur Verbesserung der Wasserqualität habe Xylem 2019 aus Wasser der Kläranlage Berlin-Ruhleben ein Bier gebraut.

Anschließend wurde leidenschaftlich diskutiert, ob sich durch Verbesserungen bekannter Technologien oder ausschließlich durch grundsätzlich neue Denkansätze eine Wirtschaftsweise sicher lässt, welche die planetaren Grenzen einkalkuliert, bevor es – so Klaus Meyer – „zum Totalausfall im Maschinenhaus Erde kommt“.

Text: Martina Bauer/Freie Journalistin

Presseartikel ing.meet.ing

VDI Nachrichten 14.02.2020

Wirtschaft regional - Der Wirtschaftsblog für die Regionen Ostwestfalen-Lippe, Münster und Osnabrück

VDI Nachrichten - 26.01.2018

Neue Westfälische 15.12.2017

OWL Journal - online

ing.meet.ing - Das Treffen der Technik in OWL

Das ing.meet.ing gilt als Treffen der Technik in OWL und wurde nun schon zum 14. Mal vom VDI OWL e.V. und VDE OWL e.V. durchgeführt. Im jährlichen Turnus treffen sich hier die Mitglieder und ihre Gäste aus Wirtschaft und Politik, um über die Verbindung von Technik und Gesellschaft zu diskutieren, sei es über den Weg in das Stromzeitalter oder die Verantwortung der Ingenieure in der Welt. Prof. Klaus Töpfer, Polarforscher Arved Fuchs, IT-Pionier Joseph Weizenbaum oder Cap Anamur-Gründer Rupert Neudeck gehörten schon zu den Gastrednern. Beim ing.meet.ing werden die unterschiedlichsten Themen aufgegriffen zum Beispiel von Generation Y über Cradle 2 Cradle bis hin zum autonomen Fahren. Nach dem Gastvortrag wird das Thema nochmal in regionaler Expertenrunde auf OWL übertragen.

Referentinnen und Referenten beim ing.meet.ing seit 2003 zu Gast