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Bild: Portra via Getty Images
Bildung, Beruf, Arbeitsmarkt

Ingenieurinnen erfinden Zukunft

Warum wir mehr weibliche Innovationskraft brauchen

Um die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens oder eines Landes zu messen, wirft man gerne einen Blick auf die Patenanmeldungen. Hier steht Deutschland nach wie vor nicht schlecht da, laut Wikipedia liegen wir auf Platz 5 weltweit. Doch leider sind Frauen bei den Anmeldungen technischer Erfindungen massiv unterrepräsentiert. Dies wollen wir mit der Kampagne „Ingenieurinnen erfinden Zukunft“ ändern. Warum wir die Erfindungskraft von Frauen fördern müssen und das auch ein wichtiger volkswirtschaftlicher Faktor ist, wissen die zwei Mitinitiatorinnen und Patenanwältinnen des Projekts Dr. Renate Weisse und Dr. Carmen Tesch-Biedermann.

VDI: Warum braucht es eine Erfinderinnenkampagne?

Carmen Tesch-Biedermann: Frauen sind bei technischen Erfindungen dramatisch unterrepräsentiert, denn ihr Anteil liegt bei Patentanmeldungen in Deutschland bei nur etwa 7 bis 8 Prozent. Dabei gibt es längst viele qualifizierte Ingenieurinnen mit klugen Ideen. Was fehlt, ist das Bewusstsein dafür, dass das, woran sie arbeiten, durchaus eine schutzfähige Erfindung sein kann. Genau hier setzen wir mit unserer Kampagne an: Wir wollen Frauen ermutigen, ihre Innovationskraft sichtbar zu machen. Dazu bieten wir ihnen das nötige Wissen und Rüstzeug.

Renate Weisse: Ein einzelner Preis für Erfinderinnen wäre ein Anfang, geht aber nicht weit genug. Es geht darum, das Thema wirklich, auch in der Breite auf die Straße zu bringen und zwar strukturell und dauerhaft. Seit vielen Jahren sehe ich in meiner Arbeit, wie hoch die Hemmschwelle für Frauen ist, eine Erfindung überhaupt zu melden. Oft wird das eigene Potenzial unterschätzt oder aus falsch verstandener Zurückhaltung gar nicht erst kommuniziert. Wir brauchen eine neue Kultur im Umgang mit technischer Kreativität – eine, die Frauen genauso mitdenkt wie Männer.

Der Erfinder als scheues Reh

VDI: Warum erfinden Frauen weniger?

Renate Weisse: Die Gründe sind vielschichtig. Es gibt zwar diese Geschichten, in denen sich der Chef eine Erfindung seiner Mitarbeiterin zu eigen macht. Das kommt vor, ist aber aus meiner Erfahrung eher die Ausnahme. Häufiger ist, dass Frauen ihre eigenen Ideen gar nicht erst als schutzwürdig erkennen. Viele machen sich kleiner als nötig und denken: Das ist doch keine richtige Erfindung. Hier fehlt es oft an Selbstbewusstsein. Wer mit einer neuen Idee vortritt, macht sich angreifbar. Wenn die erste Reaktion im Kollegenkreis ein ‛Das gibt’s doch schon’ oder ‛Das funktioniert nie’ ist, reagieren Männer meist souveräner, während Frauen sich eher zurückziehen.

Carmen Tesch-Biedermann: Dazu kommt, Frauen kommunizieren grundsätzlich anders. Sie denken oft länger nach, wägen sorgfältiger ab. Während sie noch reflektieren, hat der Kollege längst die Hand gehoben. In Teams mit einem höheren Frauenanteil entstehen andere Kommunikationsräume, die sind meist offener, kollegialer, weniger hierarchisch. Das macht es leichter, Ideen einzubringen, selbst wenn sie noch nicht zu Ende gedacht sind. Außerdem höre ich aus den Patentabteilungen öfter den Satz "Der Erfinder ist ein scheues Reh" – wohlgemerkt über Männer. Was heißt das dann bitte für die Erfinderin?

Wissen vermitteln und Lust aufs Erfinden machen, denn Erfinder sind Wiederholungstäter

VDI: Wie kann man das ändern?

Carmen Tesch-Biedermann: Sehr viel hängt von Kommunikation und klaren Prozessen ab. Entscheidend ist, wie im Unternehmen auf eine Idee reagiert wird: Sagt man ‛Das gibt’s schon, vergiss es’, oder lieber ‛Spannend, dazu hat sogar schon mal jemand ein Patent angemeldet’? Dieselbe Botschaft auf der Sachebene kann motivieren oder entmutigen. Bei größeren Firmen sieht man, dass ein gut etabliertes Erfindungsmanagement wirkt. Dort weiß jeder, wo die Meldung hingeht, wer entscheidet und wie es weiterläuft. Durch klare Prozesse steigt auch der Anteil der Erfinderinnen. Darum braucht es verbindliche Meldewege, eine gute wertschätzende Feedback-Kultur sowie Schulungen und Mentoring, damit Frauen wissen, wann eine Idee schutzfähig ist. Steigt der Anteil an Erfinderinnen, erhöhen am Ende zusätzliche Patente den Unternehmenswert.

Renate Weisse: Erfinderinnen sollen nicht im Voraus klären, ob sich ihre Idee rechnet. Das ist die Aufgabe der Entscheiderinnen und Entscheider. Wenn sie aus vorauseilendem Gehorsam gar nicht erst melden, fehlt der Geschäftsleitung jede Chance, das Potenzial zu prüfen. Man muss das Risiko eingehen, dass eine Anmeldung auch mal abgelehnt wird; ohne Meldung bleibt das Potenzial unsichtbar.

VDI: Was genau soll die Kampagne leisten?

Carmen Tesch-Biedermann: Wir wollen Frauen das nötige Handwerkszeug mitgeben, damit sie erkennen: Das, woran ich arbeite, könnte eine Erfindung sein und ich weiß, ich kann sie als solche anmelden. In unseren Workshops vermitteln wir, was eine Erfindung ausmacht, wie eine Patentanmeldung abläuft, worauf es ankommt. Wir zeigen, dass man kein(e) Einstein sein muss, um eine technische Idee zu schützen.

Renate Weisse: Wir brauchen mehr Erfinderinnen, und zwar nicht nur aus Gründen der Gerechtigkeit. Wir brauchen sie, um als Volkswirtschaft wettbewerbsfähig zu bleiben. Gerade im Mittelstand schlummert viel Potenzial, das nicht gehoben wird. Dazu kommt, Erfinder sind eigentlich Wiederholungstäter. Das heißt, die Erfinderinnen, die einmal erfunden haben, kommen wieder.

Mehr Vielfalt sorgt für relevante Innovation in der Breite

VDI: Warum ist es aus Ihrer Sicht so wichtig, dass Frauen stärker am Innovationsgeschehen teilhaben?

Renate Weisse: Weil die Welt sonst weiter einseitig erfunden wird. Viele Erfindungen kommen von Männern, für Männer. Es fehlt an Technik, die den Alltag von Frauen wirklich erleichtert. Sei es in der Pflege, im Haushalt, in frauendominierten Berufen. Das ist auch ein wirtschaftliches Problem, denn all diese ungelösten Alltagsprobleme kosten Ressourcen. Nicht nur bei den Betroffenen, sondern auch gesamtgesellschaftlich.

Carmen Tesch-Biedermann: Der Fachkräftemangel verschärft die Situation. Wenn wir es ernst meinen mit der zu verbessernden Wettbewerbsfähigkeit von Deutschland, können wir es uns nicht leisten, die Innovationskraft von 50 Prozent der Bevölkerung zu ignorieren.

VDI: Was wünschen Sie sich von der Kampagne – kurz- und langfristig?

Renate Weisse: Ich wünsche mir, dass mehr Frauen den Mut fassen, ihre Ideen zu teilen und auch als schutzwürdig anzusehen. Und dass sie unterstützt werden durch Wissen, Strukturen und ein Umfeld, das Ideen ernst nimmt, statt sie kleinzureden.

Carmen Tesch-Biedermann: Mein Wunsch ist, dass das Thema Patente in der Breite der Tech-Community ankommt, zum Wohle unseres Landes. Dass wir dauerhafte Veränderungen in der Wahrnehmung von Erfinderinnen erreichen, und zwar mit messbaren Erfolgen. Und dass sich mehr Frauen mit ihrer Begeisterung für Technik als Erfinderinnen einbringen und dadurch zu unser aller Wohlstand beitragen.

Bild: Michael Buchmann

Zur Person

Dr. Renate Weisse ist promovierte Physikerin und Patentanwältin mit eigener Kanzlei in Berlin. Sie vertritt nationale und internationale Mandantinnen und Mandanten im gewerblichen Rechtsschutz und berät insbesondere Start-ups und Mittelständler zu Patenten, Marken und Designs. Darüber hinaus engagiert sie sich in der Nachwuchsförderung, hält regelmäßig Vorträge und ist als Sachbuchautorin und Jurymitglied aktiv. Sie lebt in Potsdam und hat drei Kinder.

Bild: Dr. Carmen Tesch-Biedermann

Dr. Carmen Tesch-Biedermann ist promovierte Physikerin, Patentanwältin und Sachbuchautorin bei der C.H.Beck-Verlagsgruppe. Sie arbeitet seit über 20 Jahren an der wichtigen Schnittstelle zwischen Technik, Wirtschaft und Recht und ist Inhaberin der Patentanwaltskanzlei Athene Patent in München. Ehrenamtlich leitet sie in München zudem das VDI-Netzwerk der Frauen im Ingenieurberuf. Tesch-Biedermann lebt im Münchener Umland und hat einen Sohn.

Autorin: Gudrun Huneke

Ihre Ansprechpartnerin 
zum VDI-Netzwerk Frauen im Ingenieurberuf:

Kathrin Sevink
Telefon: +49 211 6214-248
E-Mail: sevink@vdi.de