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Bildung, Beruf, Arbeitsmarkt

Xpand-Tandem im Interview

Die Summe vieler kleiner Impulse macht den Unterschied

Im deutschen Arbeitsmarkt anzukommen ist für internationale Ingenieurinnen und Ingenieure oft komplexer als erwartet. Neben fachlicher Qualifikation spielen kulturelle Unterschiede, Netzwerke und ein Verständnis für implizite Regeln eine zentrale Rolle. Das Mentoringprogramm VDI-Xpand setzt genau hier an. Wir haben mit einem Tandem aus Mentorin und Mentee gesprochen. Im Interview berichten Natascha Wolski und Liliana García, wie der Austausch konkret hilft und warum oft kleine Impulse den entscheidenden Unterschied machen.

VDI: Was hat Sie persönlich motiviert, am Mentoringprogramm VDI-Xpand teilzunehmen? 

Natascha Wolski:  ch habe selbst mehrfach im Ausland gelebt und gearbeitet. Dabei habe ich erlebt, wie wichtig Menschen sind, die einem ein neues Land und seinen Arbeitsmarkt näherbringen. Diese Unterstützung wollte ich weitergeben. Gerade beim Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt können Mentorinnen und Mentoren viel Orientierung bieten – für Mentees ist das oft enorm wertvoll.

Liliana García: Ich bin 2020 nach Deutschland gekommen und habe mich über einen längeren Zeitraum bei rund 88 Unternehmen beworben, mit sehr wenigen Einladungen zu Gesprächen. Irgendwann wurde mir klar, dass ich Unterstützung brauche, um den deutschen Arbeitsmarkt wirklich zu verstehen. Über mein Anerkennungsverfahren bin ich auf VDI-Xpand aufmerksam geworden, Das Programm hat genau die individuelle Begleitung geboten, die mir gefehlt hat.

VDI: Mit welchen Erwartungen sind Sie gestartet? 

Natascha Wolski: Ich hatte keine konkreten Erwartungen. Mir ging es vor allem darum, meine Erfahrungen weiterzugeben. Positiv fand ich die Offenheit im Programm, sowohl im Austausch als auch in der Bereitschaft, Vorschläge aufzunehmen.

Liliana García:  Meine Erwartungen waren klar: Ich wollte verstehen, wie Bewerbungsprozesse in Deutschland funktionieren, von den Unterlagen bis zum Vorstellungsgespräch. Gleichzeitig ging es darum, meinen beruflichen Hintergrund so zu kommunizieren, dass er im deutschen Kontext als Stärke wahrgenommen wird.
 

Kleine Impulse, große Wirkung   


VDI: Mentoring lebt vom Austausch. Gab es einen Moment, der besonders prägend war? 

Natascha Wolski: Ein einzelnes Schlüsselerlebnis kann ich nicht benennen. Für mich sind es eher die vielen kleinen Impulse, die sich mit der Zeit zu einem Gesamtbild fügen. Je mehr Eindrücke zusammenkommen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass daraus etwas wirklich Hilfreiches entsteht.

Liliana García:  Für mich war ein Gespräch mit Wolski entscheidend. Ich hatte mich lange nur auf Stellen beworben, die exakt meinem bisherigen Profil entsprachen. Sie hat mir geraten, auch verwandte Bereiche oder Einstiegspositionen in Betracht zu ziehen. Diese Perspektivänderung hat meine Jobsuche deutlich verbessert.

VDI: Welche Unterschiede zwischen internationalen und deutschen Systemen sind Ihnen aufgefallen? 

Natascha Wolski: Aus meiner eigenen Auslandserfahrung nehme ich vor allem wahr, dass andere Länder oft pragmatischer vorgehen. Gleichzeitig hat auch das systematische Vorgehen in Deutschland seine Berechtigung. Beide Ansätze sind wichtig,  je nach Situation. 

Liliana García: In Venezuela sind praktische Erfahrungen weniger stark in Ausbildung und Arbeitsmarkt integriert. In Deutschland gibt es dagegen viele Wege – etwa über Praktika, Ausbildung oder duale Studiengänge. Diese Durchlässigkeit hat mich überrascht und bietet gerade für internationale Fachkräfte Chancen.

Bild: Privat

Liliana García

Liliana García ist Instandhaltungsingenieurin mit Schwerpunkt Qualitätsmanagementsysteme, zertifizierte interne Auditorin nach ISO 9001 und verfügt über internationale Berufserfahrung. Heute ist sie im Bereich Qualitäts- und Risikomanagement im deutschen Gesundheitswesen tätig.

Netzwerke als Schlüssel - Hürden und Realität im Arbeitsmarkt 
 

VDI: Welche Rolle spielt VDI-Xpand beim Netzwerken? 

Natascha Wolski:  Das Programm bietet vielfältige Möglichkeiten – im Tandem, aber auch in der gesamten Gruppe. Besonders die regelmäßigen Treffen schaffen niedrigschwellige Gelegenheiten zum Austausch.

García: Für mich war das Netzwerk ein zentraler Mehrwert. Der Austausch mit anderen Teilnehmenden und der Kontakt zur Mentorin haben mir gezeigt, wie wichtig persönliche Kontakte im deutschen Arbeitsmarkt sind.

VDI: Welche Hindernisse erleben internationale Ingenieurinnen und Ingenieure? 

Natascha Wolski: In meinen Augen ist der Arbeitsmarkt für zugewanderte Ingenieurinnen und Ingenieure deutlich kleiner als für deutsche. Während inländische Fachkräfte den Markt kennen und sich schnell orientieren können, müssen Zugewanderte ihre Qualifikation oft wiederholt unter Beweis stellen. Gerade kleinere Unternehmen haben häufig wenig Erfahrung mit internationalen Mitarbeitenden, was zusätzlichen Integrationsaufwand bedeutet und eine Hürde darstellen kann, weniger aus Ablehnung als aus Unsicherheit bei der Einordnung von Abschlüssen und Arbeitsweisen.

Xpand macht in meinen Augen einen guten Schritt in die richtige Richtung, wenn es sich mit Verbänden zusammentut, die ihre Mitgliedsunternehmen bei neuen Themen unterstützen können. Vor dem Hintergrund eines möglichen Fachkräftemangels kann dies durchaus eine gute Möglichkeit sein, den Einstieg für zugewanderte Ingenieurinnen und Ingenieure zu erleichtern. Kombiniert mit dem oben genannten Pragmatismus als „Mitbringsel aus anderen Märkten“, der bei kleineren Unternehmen häufig üblich ist, kann hier eine Chance liegen.   

Liliana García: Neben der Sprache ist vor allem das Verständnis für berufliche Kultur entscheidend. Viele Regeln sind nicht offensichtlich – etwa Kommunikation im Team oder Erwartungen in Bewerbungsprozessen. Mir hat es geholfen, aktiv Feedback einzuholen und meine Strategie kontinuierlich anzupassen.

Bild: Natascha Wolski

Natascha Wolski

Natascha Wolski engagiere sich sowohl in meinem Bezirksverein in Ostwestfalen-Lippe als auch in den Mentoring-Programmen des VDI. Sie hat sowohl in den USA als auch in China gelebt und gearbeitet. Sie ist studierte Verfahrenstechnikerin und hat im Bereich Kraftwerkstechnik promoviert und sowohl in der Entwicklung, Standardisierung als auch im Qualitätsmanagement gearbeitet.

Empfehlungen aus der Praxis


VDI: Was könnte helfen, diese Hürden zu überwinden?  

Natascha Wolski:  Mein Wunsch ist die noch stärkere Vernetzung mit den Verbänden des Mittelstands, die erkannt haben, dass sich für ihre Mitgliedsunternehmen hier Chancen bieten.

Liliana García: Praktische Einblicke, etwa durch kurze Hospitationen, wären sehr hilfreich. So ließe sich der Arbeitsalltag besser verstehen, bevor man in Bewerbungsprozesse geht.

VDI: Ihr Rat an potenzielle Teilnehmende? 

Natascha Wolski: Machen. 

Liliana García: Frühzeitig teilnehmen, aktiv Fragen stellen und Netzwerke aufbauen. Der Einstieg in ein neues System braucht Zeit, aber mit der richtigen Unterstützung wird er deutlich einfacher.

Interview: Gudrun Huneke
 

Fachliche Ansprechpartnerin:
Shirin Ernst Al Azki
Projektreferentin VDI-Xpand
Telefon: +49 211 6214-205
E-Mail: xpand@vdi.de

Das Teilvorhaben „RINIA IQ NRW – West: VDI-Xpand“ wird im Rahmen des Förderprogramms IQ – Integration durch Qualifizierung durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und die Europäische Union über den Europäischen Sozialfonds Plus (ESF Plus) gefördert und vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge administriert. Partner in der Umsetzung sind das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend und die Bundesagentur für Arbeit.