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Allgemein, Ausbildung, Arbeitsmarkt

Was deutsche und brasilianische Ingenieur*innen voneinander lernen können

Johannes Klingberg ist seit Februar 2017 Geschäftsführer des VDI do Brasil. Im Gespräch mit dem VDI liefert er unter anderem Einblicke in die brasilianische „Ingenieurdenke“ und vergleicht die Ausbildung vor Ort mit dem Status quo in Deutschland – was und wo können deutsche und brasilianische Ingenieur*innen voneinander lernen?

VDI: Inwiefern unterscheidet sich aus Ihrer Sicht die brasilianische „Ingenieurdenke“ von der deutschen? Gibt es überhaupt einen Unterschied?

Klingberg: Klar ist, dass die Brasilianer eher bekannt für ihre Kreativität sind, während Deutschen eher die Fähigkeit nachgesagt wird, konkrete Dinge umzusetzen und zu Ende zu führen. Das sind zwar kulturelle Stereotype. Die erlebe ich jedoch tagtäglich in meiner Arbeit vor Ort als Geschäftsführer des VDI Brasilien. Und die funktionieren besonders gut, wenn man sie zusammenbringt.

Im Zuge von Industrie 4.0 braucht es zudem mehr Mut zu einer gelebten Fehlerkultur, die sich etablieren muss. Das ist vor allem für das deutsche Ingenieurwesen eine größere Herausforderung. Denn das ist darauf ausgerichtet, keine bzw. nur sehr wenige Fehler zu machen.

VDI: Wie schätzen Sie das bei brasilianischen Ingenieur*innen ein?

Klingberg: Ich glaube, dass brasilianische Ingenieur*innen eine gelebte Fehlerkultur eher verinnerlicht haben, da sie in einem Umfeld arbeiten, dass weniger planbar ist. Sie müssen Fehler schnell erkennen, aus ihnen lernen und möglichst schnell eine Lösung finden.

VDI: Was heißt weniger planbar?

Klingberg: Das fängt beim wirtschaftlichen Umfeld eines Unternehmens in einem Schwellenland an. Bis wohin gehe ich mit meiner Planungsgenauigkeit, wieviel Zeit investiere ich und wie setze ich Prioritäten. Auf der anderen Seite muss vor allem das eigenverantwortliche Arbeiten bei Industrie 4.0 gefördert und gefordert werden. Das muss auch in die Lehre einfließen.

Denn in Brasilien haben wir das große Problem, dass die Hierarchien noch starrer sind und sich die Ingenieur*innen mehr darauf verlassen können, dass übergeordnete Kontrollmechanismen da sind. Nehmen wir ein hypothetisches Beispiel aus der Automobilbranche: Wenn ich als brasilianischer Ingenieur eine neue Bremse entwickle und ich mache bei der Entwicklung einen erheblichen Fehler, dann weiß ich, dass nochmal jemand meine Arbeit prüft. Es mangelt hier also strukturell bedingt etwas an Eigenverantwortlichkeit.

Ganz anders ist die Situation in den deutschen Unternehmen, die ihren Sitz in Brasilien haben. Eigenverantwortliches Arbeiten wird hier ganz klar als eine kulturelle Stärke der Deutschen betrachtet. Und wenn jeder für seine Arbeit einsteht und dafür bürgt, können leichter flache Hierarchien geschaffen werden.

VDI: Wie schätzen Sie die Qualität der Ingenieurausbildung in Brasilien ein?

Klingberg: Die Zahl der Studierenden und Absolvent*innen in den Ingenieurwissenschaften hat sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht – von 50.000 auf 150.000. Allerdings sind viele neue Kurse in den Studienprogrammen kaum geeignet, Ingenieur*innen dazu auszubilden, tatsächlich auch in der Industrie zu arbeiten. Da ist das Qualitätsniveau nicht entsprechend. Nur etwa 15 Prozent dieser Kurse sind auf Top-Niveau.

Andererseits haben insbesondere die privaten Universtäten das Glück, Curricula sehr agil anpassen zu können. Das erscheint mir als etwas, wovon sich auch die deutsche Ingenieurausbildung einiges abgucken kann.

VDI: Was zeichnet die Ingenieurausbildung in Brasilien Ihrer Meinung nach aus?

Klingberg: Vor allem die Interdisziplinarität. Die ist als strategisches Ziel an den Universitäten stark verankert und wird tatsächlich gelebt. Die unterschiedlichen Labore und FabLabs ermöglichen es, dass Designer, BWLer und Ingenieur*innen gemeinsam an Projekten arbeiten.

VDI: Inwiefern spielt die Nähe zwischen Universitäten und Unternehmen eine Rolle?

Klingberg: Wir haben hier ein zentrales Problem: Universitäten und Unternehmen tauschen sich zu wenig aus. In Deutschland gehen etwa 80 Prozent der promovierten Ingenieur*innen in die Wirtschaft. In Brasilien liegt der Anteil bei gerade mal 25 Prozent. 75 Prozent der promovierten Ingenieur*innen bleiben in der Forschung. Und den Unternehmen mangelt es an Wissen, wie Forschung funktioniert. Wenn sie etwas in Auftrag geben, dauert es ihnen meist zu lange und ist nicht business- oder anwendungsorientiert genug.

Daher haben wir als VDI in Brasilien eine Arbeitsplattform gegründet. Unser Ansatz ist es, alle Personen an einen Tisch zu holen – sowohl die aus der Industrie als auch die aus der Forschung. So wollen wir mehr Verständnis für den jeweiligen Partner erzeugen. Beide wollen ja zusammenarbeiten, die Frage ist nur „wie“. Wichtig ist hier, dass beide Seiten an einem Strang ziehen. Das Potenzial ist jedenfalls groß. Es muss nur das Bewusstsein füreinander gefördert werden. Hier wollen wir als VDI unseren Beitrag leisten.

VDI: Wie anpassungsfähig sind brasilianische Universitäten?

Klingberg: Vor allem die privaten Universitäten sind in Brasilien deutlich flexibler als in Deutschland. Dozenten werden hier freigestellt, um ihre Vorlesung anzupassen. Auch an den öffentlichen Universitäten gibt es Programme, in denen Dozenten ein Semester lang ihre Vorlesung für Industrie 4.0 anpassen können. Allerdings ist es in Brasilien häufiger der Professor selbst, der die Lehrtätigkeit durchführt und dadurch potenziell weniger Zeit hat.

Herr Klingberg, wir danken Ihnen für das Interview.

Das Interview führte Hanna Büddicker
Redaktion: Thomas Kresser

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