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Autonomes Fahren

Automatisiertes Fahren in der Stadt: Lösung oder Last?

Bild: metamorworks/shutterstock.com

Die Verkehrsbelastung in den Städten wächst kontinuierlich und eine Verkehrswende scheint unausweichlich, besonders vor dem Hintergrund von Platzmangel in den Städten, Klimaschutz und immer knapper werdenden Ressourcen. Im Gespräch mit dem VDI skizziert Prof. Barbara Lenz, Leiterin des DLR Instituts für Verkehrsforschung in Berlin, ihre Vision von der Mobilität der Zukunft in der Stadt.

VDI: Was ist der Status quo beim Automatisierten Fahren?

Lenz: Die Frage ist nicht eindeutig zu beantworten, da die Antwort sehr davon abhängt, wohin Sie blicken. Die USA sind in der Umsetzung viel weiter als wir, in einigen Staaten fahren dort bereits autonome Fahrzeuge. Es gibt viele Highways und eine ganz andere Verkehrsstruktur als bei uns. Wer dort zu Fuß geht, greift auf seine allerletzte Mobilitäts-Ressource zurück: die Füße.

Hier in Deutschland und auch in Europa sind wir zwar technisch sehr weit, doch die Verkehrsstruktur ist ganz anders: Die Städte sind wesentlich kompakter. Es gibt viele Querstraßen und der Verkehr ist sehr stark durchmischt: Autos, Straßenbahnen, Busse, Fußgänger und (E-)Radfahrer kreuzen und ergänzen einander. Das macht eine Vollautomatisierung in der Stadt extrem schwierig.

Mittelfristig wird es sicher verstärkt gute (teil-)automatisierte Lösungen geben, vor allem auf der Autobahn und auch in begrenztem Maße im städtischen Raum, etwa in Parkhäusern, in denen sich Autos alleine ihren Parkplatz suchen.

VDI: Wie sieht der Verkehr in der Stadt zukünftig aus?

Lenz: Unsere knappste Ressource in der Stadt ist die Fläche und dieses Problem wird sich weiter verschärfen. Vor allem der ruhende Verkehr nimmt sehr viel innerstädtische Fläche in Anspruch. Das kann auf Dauer nicht funktionieren. Wir brauchen weniger Autos in der Stadt, zum einen wegen der hohen Emissionen, aber vor allem wegen der extrem knappen Fläche in der Stadt.

Auch wenn es für einen Aufschrei der Empörung sorgen wird: Wir brauchen eine andere Parkraumbewirtschaftung und Zufahrtsbeschränkungen.

Allerdings müsste die Politik dazu parteiübergreifend und über Gemeinde- und Landesgrenzen hinweg an einem Strang ziehen. Danach sieht es zurzeit nicht aus. Trotzdem werden einige Städte vorangehen und den Verkehrsraum neu gestalten.

Die Politik sollte diese Lösungen erlebbar machen und positiv vermitteln. Nicht „wir machen diese Straße dicht“, sondern: „Wir geben den Menschen mehr Raum zurück“.

VDI: Wie lässt sich das Problem lösen?

Lenz: Kurzfristig funktioniert das nur über einen massiven Ausbau des ÖPNV. Allerdings stößt dieser in vielen Bereichen in Spitzenzeiten schon jetzt an seine Auslastungsgrenzen. Für dieses Problem müssen Lösungen gefunden werden. Das beginnt im Kleinen, beispielsweise durch Ordner, die für Sicherheit sorgen und durch einen schnellen Ein- und Ausstieg, der Pünktlichkeit gewährleistet. Jedoch landen wir immer schnell bei der großen Frage: Wie wollen wir in der Stadt leben?

Ein Teil der Lösung ist der Ausbau des Car-Sharing und anderer Alternativen zum Individualverkehr, wie Shuttle-Services oder Angebote, die von der Endhaltestelle weiter bis zur Haustür fahren. Der BerlKönig in Berlin ist hierfür ein gutes Beispiel. Grundsätzlich gibt es in der Stadt bereits zahlreiche Alternativen. Diese müssen nur intensiver genutzt und ausgebaut werden.

VDI: Woran scheitert es also?

Lenz: Es scheitert derzeit vor allem am Ausbau der Angebote außerhalb der Stadt. Dort ist die Auslastung zu gering, um finanziell attraktiv für die Anbieter zu sein. Hier könnte langfristig Automatisiertes Fahren eine Lösung sein, denn das könnte zu einer hohen Kostenersparnis führen.

Dann haben wir ein anderes Problem: den Datenschutz. Der Daten-Austausch ist eine Voraussetzung für das Automatisierte Fahren. Hier fehlt (noch) eine gute Lösung. Dazu bedarf es zuallererst einer guten digitalen Infrastruktur. Ohne die müssen wir gar nicht über die Möglichkeiten der Automatisierung nachdenken. Und die fehlt derzeit.

Wir müssen für uns definieren, was wir unter einer lebenswerten Umwelt verstehen, um die Entwicklungen in die richtige Richtung zu lenken. Jetzt ist der passende Zeitpunkt dazu.

VDI: Wer kann das entscheiden?

Lenz: Es braucht einen politischen Diskurs, der den Verkehr als Teil der Daseinsvorsorge neu definiert und subventioniert. Sollte automatisiertes Fahren gefördert werden, um den Energie- und Ressourcenverbrauch zu reduzieren? Wären nicht kollektiv genutzte Fahrzeuge erstrebenswert? Diese und weitere Fragen müssen mit und in der Gesellschaft ausgehandelt und beantwortet werden.

Ohne eine höhere Förderung als bisher wird der ÖPNV oder der Ausbau von Sharing-Angeboten außerhalb der Städte nicht lukrativ. Die nötige Infrastruktur kostet ebenfalls Geld.

Außerdem gibt es für Massentransportmittel nur eine geringe Akzeptanz. Auch das muss sich ändern. Denn aufgrund der Siedlungs- und Standortstruktur können wir nicht darauf verzichten. Darum fehlen neue flexiblere Angebote, wie etwa kleine, komfortable Busse für vielleicht 10 oder 20 Personen, die „On Demand“ und flexibel Strecken fahren. Auch das wäre automatisiert sicher günstiger.

VDI: Wie sieht Ihre Vision aus?

Lenz:
Ich sehe keine futuristische Stadt, die vollständig anders ist als die heutige Stadt. Wenn ich raus auf die Kreuzung schaue, sehe ich mehr Platz für Radfahrer, deutlich weniger PKW insgesamt und dazu viel mehr PKW, in denen zwei oder mehr Personen sitzen. Hinzu kommen komfortable Kleinbusse.

Automatisierung könnte kleine, individuelle Lösungen liefern, die einen hohen Komfort bieten und zugleich weniger Ressourcen verbrauchen. Zudem wird der Verkehr mit mehr automatisierten Fahrzeugen sehr viel sicherer. Denn dreiviertel aller Unfälle gehen auf menschliches Fehlverhalten zurück. In Summe hätten wir außerdem mehr Raum für den ÖPNV sowie mehr Fläche und Vorteile für die Umwelt.

Wir haben jetzt die Chance, den öffentlichen Verkehr neu zu gestalten, die sollten wir nutzen.

Das Interview führte Gudrun Huneke.
Redaktion: Thomas Kresser