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Energie und Umwelt
VDI zum Umweltgutachten 2020

Chance auf die Gestaltung einer nachhaltigen Wirtschaft

Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) hat das Umweltgutachten 2020 vorgestellt. Hierin stellt er sieben umweltpolitische Themenfelder vor, in denen großer Handlungsbedarf besteht. Auch die Corona-Krise ist ein Thema, geraten doch umweltpolitische Themen wie Klimaschutz und Biodiversität momentan in den Hintergrund. Daher sind die Bedenken des SRU derzeit groß, die Energiewende könnte zum Erliegen kommen.

Laut SRU biete sich durchaus die Chance, durch nachhaltige Konjunkturprogramme den Einstieg in eine nachhaltige Wirtschaft zu ermöglichen. Dem kann der VDI nur zustimmen. Konkret bedeutet das: Die Corona-Pandemie darf dem Klimaschutz nicht im Weg stehen. Die VDI-Gesellschaft Energie und Umwelt (VDI-GEU) drängt schließlich darauf, dass die Politik Ambitionen zum Klimaschutz keineswegs nach der Rückkehr zur Normalität zurückfährt, sondern sie die Chance auf die Gestaltung einer nachhaltigen Wirtschaft nutzt. Das Zurückfallen in alte Denkmuster würde vor allem dem Wirtschaftsstandort Deutschland die Möglichkeit entziehen, seine Technologieführerschaft zu verteidigen und neue, zukunftsträchtige Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern.

Laut SRU ist es dringend geboten, an internationalen Vereinbarungen wie dem Pariser Klimaabkommen festzuhalten und diese umzusetzen. Der VDI fordert in diesem Zusammenhang, zügig die bestehenden Hemmnisse zum Ausbau der Windenergie zu überwinden. Nach wie vor sind hierfür vier Ansätze nötig:

  • örtlich individuell festgelegte Abstandregelungen statt bundesweiten Vorgaben
  • Änderung der Abstandsregelungen für Radaranlagen der Flugsicherung  
  • Beteiligung der betroffenen Bürger beziehungsweise Gemeinden an örtlichen Windkraftanlagen zur Erhöhung der Akzeptanz durch beispielsweise eine stärkere Beteiligung der Gemeinden an den finanziellen Erträgen der Anlagen
  • Vereinfachung von Genehmigungsverfahren  

Der SRU schlägt vor, bei den CO2-Emissionen mit einem CO2-Restbudget zu rechnen, das sich nach der Einwohnerzahl richtet. Das CO2-Restbudget ist das Budget an CO2-Emissionen, das noch emittiert werden darf, um den globalen Temperaturanstieg auf eine bestimmte Temperatur zu begrenzen. Der SRU hat 1,75 Grad Celsius als Temperaturanstieg genommen. Bei gleichbleibenden Emissionen wäre dieses Budget für Deutschland bereits 2029 und bei linear abnehmenden Emissionen bis 2038 verbraucht. Daher ist es laut SRU notwendig, dass die CO2-Emissionen bis 2030 sehr stark sinken, damit das CO2-Restbudget bis 2050 reicht – dem Jahr, in dem Deutschland Klimaneutralität erreichen will.

Bepreisung von Kohlendioxid-Emissionen ein wichtiges Anreizelement

Um eine Reduzierung der CO2-Emissionen zu erreichen, ist aus Sicht der VDI-GEU eine Bepreisung von CO2-Emissionen unter anderem ein wichtiges Anreizelement. Dies sollte in allen Sektoren eingeführt werden. Zudem müssen Technologien entwickelt respektive weiterentwickelt und konsequent in den Markt eingeführt werden. Das erfordert nicht nur Zeit, sondern auch eine konsequente politische Unterstützung bei der Markteinführung sowie beim Aufbau der erforderlichen Infrastrukturen, wie etwa der Ladeinfrastruktur bei Elektrofahrzeugen.

Mit Blick auf die Kreislaufwirtschaft sei der Rohstoffkonsum in Deutschland nahezu doppelt so hoch wie im weltweiten Durchschnitt. Zudem habe der im Jahr 2013 aus Abfall gewonnene Rohstoffe (Sekundärrohstoffe) nur knapp 16 Prozent des Rohstoffbedarfs ab. Diese beiden Aspekte führen zu einem nach wie vor sehr hohen Primärrohstoffbedarf – mit entsprechenden Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit. Daher stuft die VDI-Gesellschaft Materials Engineering (VDI-GME) es als unabdingbar ein,eine flächendeckende zirkuläre Wertschöpfung zu etablieren. Dabei geht es nicht nur darum, Rohstoffausbeutung und Rohstoffabhängigkeiten zu vermeiden; Ziel ist vielmehr ein spürbarer Einfluss auf die derzeitigen Klimaveränderungen.

Die CO2-Emissionen bei der Verwendung von Sekundärrohstoffen in der Herstellung von Produkten lassen sich um bis zu 50 Prozent gegenüber der Herstellung aus Primärrohstoffen senken. Zudem verschärft wird sich die globale Rohstoffverknappung durch das Wachstum der Weltwirtschaft vor allem in den asiatischen und afrikanischen Ländern noch deutlich. Das bedeutet, dass die Versorgung in rohstoffarmen Ländern wie Deutschland künftig weiter beeinträchtigt sein kann. Bereits jetzt werden von 61 untersuchten Materialien und Materialgruppen 26 bezüglich ihrer Verfügbarkeit als kritisch eingestuft.

Kosten durch zirkuläres Wirtschaften reduzieren

Darüber hinaus sind für die deutsche Industrie Ressourceneffizienz, klimaneutrale Energieversorgung und Klimaschutz wichtige Exportmärkte, die große Wachstumschancen beinhalten. Die deutsche Wirtschaft wird global als Vorbild angesehen. Schaffen wir es also, in Deutschland ein auf zirkuläre Stoffkreisläufe, erneuerbare Energien und klimaangepasstes Bauen basierendes Wirtschaftsmodell zu errichten, bestehen gute Chancen, diese Modelle in andere Länder zu exportieren. Letztlich lassen sich für Deutschland Kosten durch zirkuläres Wirtschaften reduzieren und Wachstumseffekte generieren. Länder mit hoher Rohstoffabhängigkeit und hoher Innovationskraft können besonders von der zirkulären Wertschöpfung profitieren.

Laut SRU ist die Abfallhierarchie um zwei Stufen weiterzuentwickeln: Die Stoffströme sollen verringert und Produkte kreislaufwirtschaftsfähig gestaltet werden. Kreislaufwirtschaftspolitik sollte demnach als Teil einer vorsorgenden Umweltpolitik weiterentwickelt, Abfallvermeidung gestärkt und hochwertiges Recycling sicherstellt werden. Auch der VDI vertritt die Ansicht, die EU-Abfallhierarchie als allgemein anerkanntes Prinzip die Abfallvermeidung derzeit an die oberste Stelle zu setzen.

Dann folgen signifikante Aspekte wie die Vorbereitung zur Wiederverwendung, das Recycling, die sonstige Verwertung (vor allem die thermische Verwertung und die Verfüllung) und schließlich die Beseitigung. Komplexe Bewertungen werden bisher jedoch weder beim Produktdesign noch bei der Erarbeitung gesetzlicher Regelwerke einheitlich und gesetzlich vorgeschrieben eingesetzt.

Umdenken bei der Produktkonstruktion

Einen Hauptschlüssel zur Etablierung der zirkulären Wertschöpfung sieht die VDI-GME im Umdenken bei der Produktkonstruktion. Um die Stoffkreisläufe künftig schließen und Wertstoffe möglichst oft wieder verwenden zu können, benötigen wir nicht nur ein Umdenken im Umgang mit gebrauchten Produkten, sondern vor allem auch in der Produktentwicklung und in der Art der Produktnutzung. Produkte sollten so konzipiert sein, dass sie sowohl den Anforderungen des Gebrauchs wie auch der Zerlegung in ihre Komponenten und der Separierung in kreislaufgerechte Stofffraktionen gerecht werden.

Am Ende der Nutzungsphase soll ein Produkt so wenig wie möglich und nur so viel wie nötig verändert werden müssen, damit es sich wieder dem Stoffkreislauf zuführen lässt. Folglich enthält ein derartig konzipiertes Produkt werkstofflich wiederverwertbare Komponenten. Es besteht aus langlebigen Werkstoffen, enthält lösbare Verbindungselemente, erlaubt eine leichte Demontage sowie Austauschbarkeit seiner Bestandteile, besteht aus möglichst wenigen unterschiedlichen Werkstoffen und ist möglichst mit standardisierten Bauteilkomponenten versehen.

Nach Ansicht des SRU bieten der European Green Deal und der EU-Aktionsplan zur Kreislaufwirtschaft Deutschland die Möglichkeit, Vorreiter in der Kreislaufwirtschaft zu werden. Die Einrichtungen der öffentlichen Hand können und sollten ihre Möglichkeiten als Vorbild und als Vorreiter nutzen. Dies umfasst die Festlegung von eigenen Zielwerten. Diese sind regelmäßig zu überprüfen, zu veröffentlichen und sukzessiv anzupassen. Der SRU empfiehlt daher, erfolgreiche Praxisbeispiele in Bund, Ländern, Kommunen und Einrichtungen wie Universitäten, Schulen oder Krankenhäusern regelmäßig publik zu machen und als Messlatte anzulegen, um Potenziale zu verdeutlichen.

Die Etablierung einer zirkulären Wertschöpfung setzt ein stark vernetztes Agieren aller Beteiligten voraus

Der VDI befürwortet die Aufstellung gesetzlicher Rahmenbedingungen, ohne die eine zirkuläre Wertschöpfung nicht gelingt. Die Politik kann die rechtlichen Rahmenbedingungen dafür setzen, dass zirkuläre Stoffkreisläufe wirtschaftlich begünstigt oder sogar eingefordert werden. Dabei sind wirtschaftliche Vorteile und Chancen in den Vordergrund zu stellen.

Zugleich sollten ökologische Auswirkungen berücksichtigt werden. Diese Etablierung einer zirkulären Wertschöpfung setzt ein stark vernetztes Agieren aller Beteiligten voraus. Die gesamte Gruppe der Akteure soll über die Rahmenbedingungen und Erfordernisse der einzelnen Partner informiert sein und sich untereinander abstimmen. So entstehen aus Wertschöpfungsketten Wertschöpfungsnetzwerke.

„Gerade in dieser Zeit, in der die ganze Welt durch die Corona-Pandemie beeinträchtigt wird, ist es besonders wichtig, sich jetzt durch Umstellung auf eine zirkuläre Wertschöpfung für erhöhte Ressourcenproduktivität als eine der künftigen Quelle für Wohlstand, Wettbewerbsfähigkeit und Erneuerung vorzubereiten“, sagt Dr.-Ing. Hans-Jürgen Schäfer, Geschäftsführer der VDI-GME. Diese schaffe letztlich auch gute Voraussetzungen für Beschäftigungsverhältnisse in Deutschland.

Autoren: Hanna Büddicker, Frank Magdans

Ansprechpartner im VDI:

Christian Borm
VDI-Gesellschaft Energie und Umwelt
E-Mail-Adresse: borm@vdi.de

Dr.-Ing. Hans-Jürgen Schäfer
VDI-Gesellschaft Materials Engineering
E-Mail-Adresse: schaefer@vdi.de

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