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Corona
Globaler Shutdown

Welche Folgen die Corona-Krise auf die Umwelt hat

Diese Bilder gehen wohl ins kollektive Krisengedächtnis ein: Plötzlich ist das Wasser in Venedigs Kanälen wieder klar. Satellitenaufnahmen zeigen, wie die Luftqualität in europäischen Großstädten zu steigen scheint. Der Flugreiseverkehr ist nahezu zum Erliegen gekommen. Viele Menschen arbeiten im Homeoffice. Und ganze Industriezweige lassen Fabriken auf halber Kraft laufen. Optimistischen Prognosen zufolge könnte Deutschland jetzt gar seine Klimaziele für das Jahr 2020 doch noch erreichen. Doch trägt die Corona-Krise tatsächlich auch eine Chance für ein besseres Klima in sich?

Die Folgen von Produktionsstopps in der Industrie lassen sich trotz aller Härte als positive Folge der Corona-Krise bewerten. Letztlich handelt es sich hierbei jedoch nur um einen vorübergehenden Status. Vielmehr entscheidend ist, wie umfangreich die Einschränkungen sind und wie lange sie dauern. Dabei ist anzunehmen, dass vor allem die dadurch sinkenden Energieverbräuche zu weniger Treibhausgasemissionen und somit zu weniger Umweltschäden führen.

Auf dieser Basis kann man davon ausgehen, dass der Stromsektor weniger Energie verbraucht. Dies verursacht wiederum weniger Umweltschäden. Zudem hat sich der Stromverbrauch verschoben. Hierzu ein Beispiel: Tausende Menschen arbeiten derzeit zuhause statt im Büro. Laut einer Erhebung der Uni Mannheim waren zeitweise in den vergangenen Wochen immerhin rund 25 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland im Homeoffice. In den Privathaushalten wird entsprechend deutlich mehr Strom verbraucht als üblich. Gleichzeitig stehen etliche Büros leer, was auch zu einem erheblichem Rückgang des Stromverbrauchs führt.

Erneuerbare Energiequellen können größeren Teil des Strombedarfs abdecken

Deutlich wichtiger ist aber der Rückgang der Stromnachfrage im Industriesektor, denn die Industrie macht rund 45,7 Prozent des Stromverbrauchs aus – Gewerbe, Handel und Dienstleistungen 27,4 Prozent, Verkehr 2,3 Prozent und die Haushalte 24,6 Prozent. Daher kommt der vom BDEW benannte Rückgang des Stromverbrauchs von insgesamt 8,7 Prozent nicht überraschend. Dennoch hat der Rückgang einen weiteren positiven Effekt: Infolge der sinkenden Stromnachfrage können die regenerativen Energiequellen einen größeren Teil des Strombedarfs abdecken.

Der Industriesektor verursacht neben Treibhausgasemissionen durch Stromverbrauch noch weitere Teilchen und Stoffe. Dies geschieht vor allem indirekt, etwa durch Rohstoffverbräuche oder durch Transport. Diese Minderungen der Treibhausgasemissionen sind allerdings nicht nachhaltig. Die Vorbereitungen für eine Rückkehr zur Normalität laufen bereits auf Hochtouren. Mehrere Autobauer nehmen erste Werke erneut in Betrieb. Daimler will die Produktion vor allem im Bereich der Antriebs- und Getriebetechnik wieder hochfahren und VW kündigte an, noch in der vorletzten Aprilwoche in den Schichtdienst zu gehen.

Auf der einen Seite wird also die jetzt noch reduzierte Produktion wieder hochgefahren. Und auf der anderen Seite kann es sogar sein, dass die Produktion von Gütern mit hoher Nachfrage, die jetzt stillsteht, „nachgeholt“ wird. Das heißt, dass Emissionen, die sich daraus ergeben, im Wesentlichen nur verschoben werden. Zwar lassen sich reduzierte Emissionen durch ausgefallene Flüge, Schiffs-, Bahn- und Autofahrten nicht nachholen, trotzdem ist im Verkehrssektor mit einem Wiederanstieg der verkehrsbedingten Emissionen zu rechnen, sobald die Entscheider weitere Einschränkungen aufheben.

Ambitionen im Klimaschutz nicht zurückfahren

Doch wie soll die Rückkehr in die Normalität ablaufen und wie soll mit Aspekten des Klimaschutzes verfahren werden? Die VDI-Gesellschaft Energie und Umwelt (VDI-GEU) legt großen Wert darauf, dass Ambitionen zum Klimaschutz nicht zurückgefahren werden, sondern die Chance auf Veränderung genutzt wird. „Der durch die gegenwärtige Krise bedingte, hoffentlich nur kurzfristige Rückgang der Industrieproduktion wird nur einen kurzfristigen Rückgang der Emissionen bewirken. In den nun erforderlichen Konjunkturprogrammen muss der nachhaltige Umbau des Energiesystems vorangetrieben werden. Damit kann die gegenwärtige Krise den erforderlichen Transformationsprozess zu einer nachhaltigen Wirtschaft vorantreiben und viele dauerhafte Arbeitsplätze geschaffen werden“, sagt Prof. Dr.-Ing. Harald Bradke, Vorsitzender der VDI-GEU.

„Die gegenwärtige Pandemie hat deutlich gemacht, wie verletzlich wir bei einer globalen Krise sind, wenn nicht rechtzeitig Vorsorge getroffen wird. Dies kann die Akzeptanz in der Bevölkerung für einen erforderlichen Strukturwandel erhöhen“, so Bradke. Wenn die Konjunkturprogramme nicht nachhaltig ausgerichtet werden, wäre es wegen der Größe der Programme und den damit verbundenen langfristigen Investitionen zudem äußerst schwierig, später wieder umzusteuern.

Die Europäische Union (EU) erwägt derweil, Pläne zur Einhaltung ihrer Klimaziele im Rahmen des sogenannten Green Deal zu verschieben. Zwar will die EU-Kommission bei einer Erhöhung der Klimaziele für das Jahr 2030 bleiben, in bestimmten Bereichen soll es jedoch Änderungen des Zeitplans geben. So sollen Teile des Maßnahmenpakets wegen der Corona-Krise möglicherweise erst nach 2020 umgesetzt werden. Betroffen sind von dem Aufschub unter anderem Regeln zur Offshore-Windenergie und im Bereich der Landwirtschaft. Außerdem sollen Programme zur Unterstützung von Bio-Treibstoffen für Flugzeuge und Schiffe verschoben werden. Sollten entsprechende Gesetzesvorschläge und Programme tatsächlich erst mit monatelangen Verzögerungen kommen, so hätte dies ebenfalls Auswirkungen auf die Umwelt.

Autoren: Peter Sieben, Frank Magdans

Hinweis: Am 20. Mai veranstaltet die VDI-GEU von 13 bis 15.30 Uhr das Online-Event Lasst uns gemeinsam das Klima retten. Expert*innen zeigen hierbei auf, wie sich die im Pariser Klimaabkommen formulierten Ziele mit heutigen oder zukünftigen Technologien erreichen lassen. Dabei wird auch die wichtige Rolle der Ingenieur*innen bei der Entwicklung innovativer Technologien zur Umsetzung der Energiewende diskutiert.

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