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Künstliche Intelligenz (KI), Deutschland 2030

Künstliche Intelligenz: Mehr KI wagen

Auf dem Deutschen Ingenieurtag in Düsseldorf zeigte Prof. Dr. Dr. h.c. Michael ten Hompel vom Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik in Dortmund, dass KI-Lösungen in Deutschland speziell in der Logistik bereits entwickelt werden und große Fortschritte machen. Er forderte dennoch mehr Mut und weniger Angst vor Kontrollverlust. Im Interview mit dem VDI spricht er über Potenziale und Chancen von KI in Deutschland – und über konkrete Anwendungen in der Logistik.

VDI: Herr Prof. ten Hompel, Sie rufen bewusst zu mehr Mut im Umgang mit Künstlicher Intelligenz auf. Warum sollte der Mensch die Kontrolle ein Stück weit der KI und den Maschinen überlassen?


ten Hompel: Um es mit Stirling Moss zu sagen: „Wer alles unter Kontrolle hat, ist einfach nicht schnell genug“. Unternehmerisches Handeln erfordert heute mehr denn je, Entwicklungen zu antizipieren, Risiken einzugehen und zuerst nach den Chancen und nicht nach dem gesicherten „Return on Invest“ zu fragen – andernfalls ist man schlichtweg zu langsam.

Ihre Frage intendierte aber sicher auch eine andere Art von Kontrollverlust. Künstliche Intelligenz (KI) als Fachgebiet der Informatik und insbesondere das maschinelle Lernen als Teil der KI umfassen eine Klasse von Algorithmen, die Systeme in die Lage versetzen, sich zielgerichtet anzupassen, ohne dass sie dafür dezidiert programmiert wurden. Damit ist ihr Verhalten nicht determiniert und die Ergebnisse sind nicht vollständig vorhersagbar. Auch dies ist ein Kontrollverlust, auf den wir uns einlassen müssen, wollen wir an den resultierenden Entwicklungen teilhaben.  

VDI: Ist das nicht ein wenig hemdsärmelig?

ten Hompel: Ein solches Vorgehen mag hemdsärmelig erscheinen, doch das Gegenteil ist der Fall: Sie brauchen sehr gut ausgebildete Ingenieure, die all die Tools, Communities und Technologien kennen und verstehen, und die in der Lage sind, Entwicklungsprozesse stringent zu berechnen und zu gestalten. Durch wildes Herumprobieren verliert man viel zu viel Zeit. Das heißt nicht, dass man Kopf und Kragen riskieren muss. Denn neue Geschäftsmodelle und Produkte können heute viel agiler entwickelt werden als noch vor ein paar Jahren.

Entwicklungszyklen betragen teilweise nur noch vier bis sechs Wochen und für solche „Sprints“ ist so vieles für ein paar Euro verfügbar: vom 3-D-Druck für ein Modell bis zu Open-Source-Bibliotheken für alles und jeden. Und sieht man, dass man sein Ziel nicht mehr sinnvoll erreichen kann, bricht man die Entwicklung eben nach ein paar Wochen ab und widmet sich der nächsten Chance. Wir können heute schneller Prototypen realisieren, die uns Entscheidungssicherheit geben, als einen Return on Investment unter waghalsigen Annahmen berechnen.

VDI: Wo sehen Sie Potenziale für die deutsche Industrie bei künstlicher Intelligenz?

ten Hompel: Die Digitalisierung aller Lebensbereiche und die Künstliche Intelligenz werden vieles ändern. Es ist eben nicht nur das autonome Fahrzeug oder der Drohnenschwarm – beides ist in unseren Logistik-Labs schon Realität. In naher Zukunft wird es auch ganz normal sein, per KI mit einem Regal zu reden oder mit einem Container zu verhandeln. Diese Entwicklung verläuft sehr schnell, weil wir die Technik bereits in den Händen halten und zudem sehr hohe Effizienzgewinne durch KI erwartet werden.

Wenn es um neue Geschäftsmodelle geht, liegen die größten Potenziale im industriellen und logistischen Business-to-Business (B2B). Im Privatkundenbereich (B2C) ist die Chance schon vertan, aber die logistische Marktführerschaft wird bei den B2B-Plattformen gerade erst entschieden. Im Kern geht es darum, vorhandene technische Möglichkeiten in durchgehenden Lösungen zusammenzuführen.

Die Einführung einer Blockchain-Lösung oder eines intelligenten Behälters alleine ist nur in den wenigsten Fällen sinnvoll. Das vollständige Geschäftsmodell vom Sensor bis zur Plattform ist entscheidend. Nur, wenn wir hier unser Domainwissen in der Logistik und Produktion richtig einsetzen, haben wir eine ernsthafte Chance.

 

VDI: Hat die Wirtschaft diese Chance erkannt?

ten Hompel: Ich bin einigermaßen erschüttert darüber, mit welcher Nonchalance so mancher deutsche Weltmarktführer der KI-Entwicklung gegenübersteht. Als hätten wir aus dem Desaster im Internethandel nicht gelernt, wie schnell angestammte, scheinbar sichere Marktanteile verloren gehen. Marktführer bleibt man eben nicht, man wird es immer wieder.

VDI: Wie sieht die Anwendung von KI in der Praxis, insbesondere in der Logistik aus?

ten Hompel: Logistik ist – ähnlich wie die Geometrie – vollständig algorithmierbar. Zugleich sind die einzelnen logistischen Prozessschritte relativ einfach. Aber vollständige Prozesse, die sogenannten Supply Chains und ihre Disposition und multikriterielle Optimierung zählen zu den komplexesten Herausforderungen, die wir kennen.
Das macht die Logistik zum idealen Spielfeld für die Algorithmen Künstlicher Intelligenz – vom intelligenten Container über autonome Fahrzeuge bis zur Transportplattform. Zugleich erfordert das Management der Logistik spezifisches Domainwissen. Mit diesem Wissensvorsprung und ihren Algorithmen verdienen viele Logistikunternehmen ihr Geld.

VDI: Was wird sich zuerst konkret ändern?

ten Hompel: Im physischen Materialfluss werden Schwärme autonomer Fahrzeuge bald Teile der klassischen Fördertechnik ersetzen. Die individuelle Verpackung, Assemblierung und auch die schon totgesagte Kommissionierung sind zwar noch etliche Jahre weitgehend dem Menschen und seinen intellektuellen und manuellen Fähigkeiten vorbehalten. In diesen Bereichen werden allerdings neue KI-Umgebungen und Assistenzsysteme für mehr Sicherheit und Effizienz sorgen.
Im Virtuellen werden verteilte Künstliche Intelligenzen unter anderem verhandeln, disponieren, Entscheidungen in der Planung unterstützen und Waren- sowie Verkehrsströme simulieren. Außerdem wird KI Routen berechnen und Güter per Kamera analysieren. Es gibt noch unendlich viele weitere Anwendungen.

VDI: Wo bleibt dann für Deutschland noch Platz auf dem KI-Markt?

ten Hompel: In der Logistik! Deutschland ist laut Weltbank Logistikweltmeister, vier der weltweiten Top 10 in der technischen Logistik kommen aus Deutschland. Das größte Logistikunternehmen sitzt in Bonn und das größte Logistikinstitut in Dortmund. Die Ausgangssituation könnte kaum besser sein, aber Größe allein wird es nicht richten. Es reicht auch nicht aus, hier und da mal ein paar Millionen zu investieren und ein paar Start-ups zu übernehmen. Es geht vielmehr um komplexes Domainwissen im B2B-Bereich. Da müssen sich die Verantwortlichen schon mal selbst darum kümmern und verstehen, was gerade in den USA und China passiert.

Es ist eine weit verbreitete Fehlannahme, dass man von Start-ups lernen könne, wie das Business funktioniert. Dabei ist es genau umgekehrt. Es geht um Milliarden-Investitionen und die Übertragung von Domainwissen in neue, agile Unternehmensformen. Es reicht im B2B auch nicht aus, als Einzelkämpfer eine gute Lösung zu entwickeln. Ich bin davon überzeugt, dass wir nur eine Chance haben, wenn wir offene, föderale Plattformen und Datenräume wie die International Data Spaces etablieren. Die erlaubt es allen Unternehmen, sich zu beteiligen, ohne ihre Geschäftsmodelle oder ihre Daten zu verschenken. Nur so werden wir faktisch und praktisch zu Standards kommen – und das wird entscheidend sein.

VDI: Warum spielen soziale Medien eine wichtige Rolle an der Schnittstelle zwischen Menschen und Maschinen?

ten Hompel: Soziale Netzwerke sind das einzige Beispiel für die millionenfache Kooperation von Menschen und Maschinen, das wir kennen. Es ist also sinnvoll, sich anzuschauen, welche Mechanismen dort wirken und was davon auf Handel, Produktion und Logistik übertragbar ist. Wir sprechen von einer „Social Networked Industry“ und verbinden damit auch den Anspruch, diese neue Welt sozial und nach unseren Wertvorstellungen zu gestalten.

Die Welt wird uns nicht fragen und sie wird nicht auf uns warten, aber sie wird sich – nicht nur in der Logistik – auf den Kopf stellen. Wir tun gut daran, diese neue Welt zu gestalten, in der wir leben wollen. Tun wir es nicht, werden uns nachfolgende Generationen eines Tages den Spiegel unserer Versäumnisse vorhalten.

Herr Prof. ten Hompel, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Die Keynote von Prof. Michael ten Hompel als Video