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Shutterstock: FrameStockFootages

Arbeitsmarkt 2030: Was kommt auf Ingenieure zu?

Deutschland gilt als Meister hochwertiger Produktion, hat den Sprung in Richtung Digitalisierung aber verpasst. Jetzt versuchen Firmen, verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Für Ingenieure bedeutet das: Ihr Berufsbild wird sich stark verändern. Was kommt bis 2030 auf sie zu?

Sind digitale Transformationsprozesse eher Fluch oder Segen? Daran scheiden sich die Geister. Bei der Zukunfts-Monitor-Umfrage des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) von 2017 gaben fast 60 Prozent aller Interviewten an, in Zukunft gingen mehr Jobs verloren als neue entstehen würden.

Ingo Rauhut, Arbeitsmarkt-Experte beim VDI e.V., relativiert speziell für den Ingenieursbereich: „Ich glaube, dass Digitalisierung Routinetätigkeiten ersetzt und dass wir mehr Freiräume für neue Tätigkeiten gewinnen.“ So mancher Job werde attraktiver. „Gesamtwirtschaftlich betrachtet wird die Zahl an Arbeitsplätzen nicht zurückgehen“, ergänzt der Experte.

Mehr interdisziplinäres Verständnis

Er gibt Einblicke in künftige Trends für Ingenieure: „Die Informatik wird an Bedeutung zunehmen.“ Schon jetzt liegt die größte Wertschöpfung bei Maschinen in der Steuerung, nicht in den Geräten selbst. „Dieses interdisziplinäre Verständnis muss in klassische Ingenieurstätigkeiten integriert werden“, ergänzt Rauhut. Auch die Arbeitsweise selbst wird sich ändern: „Entwicklungen müssen früh auf den Markt gebracht werden.“ Anhand der Rückmeldung von Kunden entwickelt sich ein Produkt dann weiter – ein Paradigmenwechsel im Vergleich zum Status quo.

Rauhut weiter: „Naturwissenschaftliche Grundlagen sind weiterhin notwendig, aber man muss über den eigenen Tellerrand blicken, man muss sehen, wie andere Disziplinen Lösungen entwickeln.“ Agiles Arbeiten, sprich die Kooperation in Teams ohne bekannte Hierarchien, sei eine Möglichkeit zur Umsetzung. Das klingt visionär, ist in heimischen Firmen aber noch lange nicht die Realität.

Vom Silicon Valley zurück nach Deutschland

„Deutschland hat die Digitalisierung verpasst“, schreibt Christoph Keese in seinem Buch „Silicon Germany: Wie wir die digitale Transformation schaffen“. „Unsere Firmen produzieren vor allem mechanisch erstklassige Maschinen, die elektronisch aber den Anschluss an die Weltspitze verloren haben.“ Keese war u.a. Chefredakteur der Welt am Sonntag und von Financial Times Deutschland. Er betrachtet Entwicklungen aus wirtschaftlichem Blickwinkel. Nach einem Aufenthalt im Silicon Valley fallen Keese heimische Defizite in mehreren Bereichen auf. Er ärgert sich über Autos, die bei einem Kaufpreis von 75.000 Euro weniger integrierten Speicher als sein Smartphone haben. Oder über vermeintlich autonom fahrende Mähroboter, die nicht leisten, was Werbestrategen versprechen.

Alles in allem identifiziert Keese mehrere Problemfelder: analoge oder digitale Prozesse bei Geräten, die Vernetzung eines Produkts mit seiner Umwelt, die Interaktion mit Anwendern, die Ausschöpfung bereits vorhandener Möglichkeiten und der Grad, mit dem neue Geschäftsmodelle umgesetzt werden.

Ohne neue Strategien werde Deutschland zu einem zweiten Shenzhen. In der chinesischen Sonderwirtschaftszone haben High-Tech-Unternehmen wie Huawei oder Foxconn ihren Sitz; lediglich, um zu produzieren, aber nicht, um zu entwickeln. Keese spricht von der „Werkbank Kaliforniens“.

Die Aufholjagd beginnt

Deutschland steht quasi an der Wegkreuzung zwischen Palo Alto und Shenzhen. Unsere Firmen haben zwar früh mit der Digitalisierung begonnen. Chips zur Steuerung von Lithiumionen-Akkus kamen beispielsweise aus heimischen Labors. Hersteller haben es aber versäumt, ihre Geräte nach außen zu öffnen. Das versuchen sie jetzt nachzuholen. Im ersten Schritt müssen sie technische Rahmenbedingungen für die Vernetzung ihrer Produkte schaffen.

Vernetzung ist auch das Zauberwort in der gesamten Wertschöpfungskette: Zulieferfirmen bringen Einzelteile (zeit-)punktgenau bis ins Werk, Lagerhaltung war gestern. Was heute noch als vertikale Vernetzung in Form von Abhängigkeitsverhältnissen läuft, muss wie im Silicon Valley zur horizontalen Vernetzung werden: Datenaustausch, Offenheit und Vielfalt prägen die Unternehmenskultur innovativer Konzerne. Das gilt nicht nur für Firmen selbst, sondern auch für Ingenieure.

Immer wichtiger: Ingenieure mit Crossover-Qualifikation

Doch wo stehen wir momentan? Viele Kollegen spezialisieren sich immer stärker, ihre Karriere basiert auf Fähigkeiten in einzelnen Bereichen. HR-Experten sprechen despektierlich von „Silos“, zwischen denen ein beruflicher Wechsel kaum möglich ist. In der Automobilindustrie bleiben sie dem Antriebsstrang, der Elektrik oder der Karosserie bis zur Rente treu. Und Gebäudeentwickler, Planer oder Betreiber von Bürogebäuden kennen ihren Bereich bis zur Perfektion, nicht aber zwangsläufig die Wünsche ihrer Kunden. Die Spezialisierung, eine deutsche Eigenart, wird im digitalen Zeitalter kaum noch funktionieren. Innovative Firmen brauchen interdisziplinäre Kompetenzen, um unterschiedliche Aspekte zu verbinden. Auch werden die Lebenszyklen von Produkten immer kürzer. Wer seinen Elfenbeinturm aber verlässt, weiß, worauf es bei der Weiterentwicklung ankommt, gerade im digitalen Bereich.

Im Silicon Valley gilt berufliche Flexibilität als wichtige Qualifikation. Wer eine Aufgabe gut erledigt, bleibt noch lange nicht bis ans Ende aller beruflichen Tage in dem Bereich. Im Zeitalter der digitalen Transformation lautet das Gebot der Stunde, horizontale Vernetzungen zu fördern, die zwischen unterschiedlichen Professionen liegen. Deutsche Firmen müssen ihr extremes Maß an Spezialisierung überwinden.

Das hat Folgen: Ingenieure benötigen mehr Wissen jenseits ihres Kernbereichs. „Natürlich ist es das Idealbild, alle Themen in die Ausbildung zu integrieren“, so Rauhut. „Es gibt auch gute Ansätze, aber bereits ausgebildeten Ingenieuren hilft das nichts.“ Der VDI-Experte fordert, alle Kollegen auf, sich auf die neue Welt vorzubereiten – vor allem anhand geeigneter Formate. Weiterbildung finde nämlich oft zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt in der Karriere- und Lebensplanung statt. Man stecke voll in der Arbeit, gründe gerade eine Familie und baut eventuell ein Haus – Zeit sei dann Mangelware. „Kleine Weiterbildungseinheiten, die man in begrenztem Zeitumfang bewältigen kann, sind hier ideal“, lautet seine Empfehlung.

Plädoyer für eine neue Fehlerkultur

Deutschlands Tradition des Maschinenbaus hat noch weitere Schwächen, die sich im digitalen Zeitalter unangenehm bemerkbar machen. Ingenieure entwickeln mit großem Erfolg Produkte, die perfekt und störungsfrei laufen. Fehler sieht niemand gerne. In Zeiten des digitalen Wandels wäre es besser, vom Silicon Valley zu lernen. Digitalisierungsstrategien entwickeln sich durch Experimente, nicht durch Nachdenken im stillen Kämmerlein. In Kalifornien entstehen Flops am laufenden Band, etliche Start-ups verschwinden nach kürzester Zeit.

Ingenieure und IT-Spezialisten probieren neue Dinge aus, testen, justieren nach – und binden Kunden in die Entwicklung ein. Ihre Produkte sind gut, trotz möglicher Fehler. Was zunächst widersprüchlich klingt, erklärt sich im digitalen Zeitalter schnell. Schnelligkeit zählt. „Wenn Ihnen die erste Version Ihres Produkts nicht peinlich ist, haben Sie es zu spät herausgebracht“, sagt Reid Hoffmann, Gründer von LinkedIn. Per Update lässt sich ein bereits verkaufter Artikel aus der Ferne optimieren. Der Zustand am Tag der Auslieferung verliert an Bedeutung, so lange die Hardware einwandfrei funktioniert.

Führung: Heute Chef, morgen Netzwerker

Mit der Digitalisierung verändert sich auch die Rolle von Ingenieuren in Führungspositionen. „Agiles Arbeiten ersetzt klassische Hierarchien“, sagt Rauhut. Künftig reicht es nicht mehr aus, Strategien in Anweisungen umzusetzen und zu überwachen, ob Angestellte ihre Ziele erreichen. Motivation ersetzt Kontrolle, wie das Konzept von Netflix zeigt. Dessen Gründer Reed Hastings hat diverse Überwachungsmaßnahmen abgeschafft. Arbeitszeiten oder Urlaubstage werden nicht mehr erfasst. Sein Team ist motiviert, ohne sich selbst aufzugeben. Denn Hastings lebt eine neue Führungskultur vor. Er hat kein eigenes Büro, sondern arbeitet mal hier und mal da in der Firmenzentrale.

Der CEO erfährt von guten Ideen, bekommt aber auch Probleme hautnah mit. Und er lebt vor, dass Entspannung Teil des Jobs von morgen ist. Hastings arbeitet hart, reist aber auch gerne – und postet von seinen Urlauben fleißig Bilder. Dass er seine Mitarbeiter kaum einschränkt, hat ihn schon mehrmals vor dem Untergang bewahrt. Netflix begann als Versender von DVDs, später als Download- und als Streaming-Anbieter. Heute gelten Eigenproduktionen als große Stärke des Konzerns. Kreative Köpfe sorgen für mehr Wachstum, strenge Regeln führen zum Gegenteil. Es gibt keine Anwesenheitspflicht und kaum Besprechungen. Mitarbeiter entscheiden in weitem Rahmen selbst. Ihre Vorgesetzten sind mehr Sparringspartner als Kontrolleure.

Ingenieure – die treibende Kraft im Wandel

Auf Ingenieure kommen viele Herausforderungen zu, das steht außer Frage. Rauhut ist sich aber sicher, dass Kollegen den Wandel aktiv gestalten, anstatt vorangetrieben zu werden: „Grundsätzlich findet man für technische Probleme immer technische Lösungen, auch bei der Digitalisierung.“ Ingenieure könnten hier ihre Fähigkeiten einbringen, aber auch kritisch hinterfragen, was machbar und auch sinnvoll sei.

Veröffentlichungsdatum: 07. Mai 2019

Text: Michael van den Heuvel