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Interview mit Markus Schwarzenböck, Leiter des Konzernbereichs Personal bei TÜV SÜD

Bewerbungsinterview mit Gen Z: Wie wandelt sich die Nachwuchssuche?

Bild: miodrag ignjatovic via Getty Images

Der Begriff Fachkräftemangel ist derzeit omnipräsent. Junge Menschen, die nachrücken, und am Standort Deutschland langfristig an Zukunftstechnologien arbeiten wollen, sind ein Hebel. Auf dem VDI Young Engineers Kongress vom 17.- 20. April in München wird es einen Workshop geben, der Tipps für junge Absolventen und Absolventinnen für das Bewerbungsinterview bietet. Ein Referent kommt von TÜV Süd. Vorab gibt Personalchef Markus Schwarzenböck Einblicke in das Recruiting des Unternehmens. Er sagt klar: „Tolle Stellenausschreibungen reichen nicht mehr, um die Gen Z zu begeistern.“ 

VDI: Wie findet TÜV Süd neue junge Leute?

Schwarzenböck: In den kommenden Jahren wollen wir jährlich weltweit rund 5.000 Menschen einstellen. Um diese gewaltige Aufgabe zu stemmen, hat TÜV SÜD vor einigen Jahren eine datengesteuerte, strategische Personalplanung eingeführt – ein Ansatz, der auf Langfristigkeit setzt. Die Personalplanung wird nun um Vorhersagemodelle zur Entwicklung des Geschäfts, des jeweiligen Fachbereichs und der Trends in der Branche ergänzt. Das ermöglicht uns, frühzeitig Bedarfe zu erkennen und dann gezielt diese Stellen mit den nötigen Kompetenzen zu besetzen. 

VDI: Wie gelingt das in der Praxis?

Schwarzenböck: Dafür nutzen wir viele alte und neue Kanäle: Stellenanzeigen, Mitarbeitenden-Empfehlungsprogramme, Social-Media-Recruiting und auch Active Sourcing, um genau die Personen zu finden, die wir brauchen. Active Sourcing zielt auf die vielversprechendsten Kandidaten ab und spricht sie direkt an, auch wenn sie gerade nicht auf Stellensuche sind. Darüber hinaus haben wir eine ganze Reihe interner Programme aufgesetzt, die die Weiterbildung und Entwicklung von Mitarbeitenden fördern und so den internen Talentepool vergrößern. 

Der Trend geht hin zu schnelleren, unkomplizierten Bewerbungen
 

VDI: Hat sich der Bewerbungsprozess bei Ihnen möglicherweise verändert?

Schwarzenböck: Wir haben hier viel getan: Die Jobbörse ist einfacher zu finden und die Stellanzeigen in inklusiver Sprache. Der Trend geht immer mehr hin, zu schnelleren, unkomplizierten Bewerbungen. So sind One-Click-Bewerbungen bei uns möglich, bei dem nur der Lebenslauf hochgeladen wird. Wir akzeptieren anonyme Bewerbungen und freuen uns auch auf Initiativbewerbungen, wenn jemand grundsätzlich Interesse an unseren Aufgaben hat. Intern haben wir unsere Prozesse angepasst. Wir haben viele Schritte standardisiert und auch bei immer mehr Stellenprofilen relevante Kompetenzen definiert und entsprechende Interviewleitfäden erstellt. Das soll einen effizienten und vor allem auch unvoreingenommenen Ablauf und somit Chancengleichheit für alle Bewerbende ermöglichen. 

VDI: Wie nehmen Sie die Gen Z wahr?

Schwarzenböck: Die neue Generation ist exzellent ausgebildet, selbstbewusst und sie weiß um ihren Wert. Die jungen Menschen stellen neue Anforderungen an die Arbeitsbedingungen und die Unternehmenskultur, wie mehr Flexibilität oder flache Hierarchien. Da helfen tolle Stellenausschreibungen alleine nicht, das muss im Unternehmen auch gelebt werden. Solche Umbrüche erfordern einen Wandel innerhalb unseres Unternehmens. Die vergangenen Jahre hat sich diesbezüglich bei TÜV SÜD schon sehr viel getan: Neue Arbeitsmodelle, Mobiles Arbeiten, Weiterentwicklung der Mitarbeitenden und auch Workation waren und sind relevante Themen. Auch die damit verbundenen Erwartungshaltungen an „alte“ und neue Führungs- beziehungsweise Unternehmenskultur sind Herausforderungen, die uns bestimmt noch lange begleiten werden. 

VDI: Was macht für Sie eine Netzwerkveranstaltung wie der Young Engineers Kongress aus?

Schwarzenböck: Für mich persönlich ist es immer sehr inspirierend mit Absolventen und Berufsanfängern in Kontakt zu treten. Die Motivation ist ansteckend. Der direkte Kontakt ermöglicht ihnen Einblicke in Branchen und Unternehmen, die sonst kaum möglich sind. In direkten Gesprächen können wir von Unternehmensseite mögliche Interessenten potenzielle Jobangebote, die dazugehörigen Aufgaben und zusätzliche Leistungen erläutern und alle miteinander können wir herausfinden, ob wir zusammenarbeiten könnten. 

Infos zur Person:

Markus Schwarzenböck verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung im Personalbereich aus Unternehmen wie Nokia Siemens Networks und Siemens.

Seit Januar 2021 ist er als Leiter des Konzernbereichs Personal für die rund 26.000 Mitarbeitenden bei TÜV SÜD weltweit verantwortlich.

VDI: Welche Herausforderungen haben wir in Deutschland im MINT-Bereich?

Schwarzenböck: Im MINT-Bereich stehen wir in Deutschland vor einigen Herausforderungen: Wir haben eine hohe Studienanfängerquote in MINT-Fächern, aktuell fehlen trotzdem Fachkräfte. Insbesondere in den IT-Berufen und der Energie- und Elektrotechnik sind Engpässe spürbar. Das erfordert im Umkehrschluss mehr Engagement in Bildung und Nachwuchsförderung mit ausreichend Lehrkräften. Weiterbildung und Anpassung hilft auch innerhalb von Unternehmen, um mit dem technologischen Fortschritt mitzukommen und die Mitarbeitenden zukunftsfit zu machen: Unternehmen sollten ihre Belegschaft in MINT-Bereichen gezielt fördern. Wir müssen darüber hinaus dringend für mehr Vielfalt in der Branche sorgen. Immer komplexere Probleme brauchen einen integrativen Ansatz und Vielfalt fördert Innovation und trägt zu einer guten Lösung bei. Daran direkt anknüpfend gilt es, sich besser zu vernetzen: Branchenübergreifende Kooperationen und internationale Partnerschaften treiben Wissenstransfer und Innovation an.

Es ist wichtig, die eigenen Stärken, Schwächen und beruflichen Ziele zu verstehen

VDI: Welche Tipps haben Sie an junge Bewerber und Bewerberinnen?

Schwarzenböck: Um einen guten Arbeitgeber und eine spannende Stelle zu finden ist es wichtig, zu verstehen, was die eigenen Stärken, Schwächen und beruflichen Ziele sind. Zu verstehen, was motiviert und welche Werte jemandem wichtig sind, gibt den Rahmen vor. Das kann sich natürlich über die Jahre ändern, deswegen ist es wichtig, weiterhin neugierig zu bleiben und ständig dazuzulernen. Und: Die Vernetzung mit anderen ist immer wichtiger: persönlich oder virtuell – geknüpfte Kontakte und regelmäßiger Austausch erweitern den Horizont sehr. Das hilft der persönlichen Entwicklung und der Karriere.

VDI: Sie blicken schon auf einige Jahre Talentsuche zurück. Wie hat sich in den letzten 20 Jahren das Personalmanagement und die Suche nach Talenten verändert?

Schwarzenböck: Der Markt hat sich grundlegend verändert. Wir kommen von einem Arbeitgebermarkt und sind nun in einem Markt, bei dem die Bewerbenden freie Wahl und viel Macht haben. Arbeitgeber müssen sich deswegen stärker als attraktive Marke positionieren, das erfordert auch interne Anpassungen der Kultur und der Führungskräfte. Unternehmen müssen sich schneller an Veränderungen anpassen. Flexible Arbeitsmodelle wie Remote-Arbeit, Teilzeit, Job-Sharing und Freelancing sind heute gängig. Die Digitalisierung und Automatisierung haben die Personalverwaltung revolutioniert. Automatisierte Prozesse, KI-gestützte Tools und Cloud-basierte Lösungen erleichtern die Betreuung der Mitarbeitenden, das Recruiting und Talentmanagement. 

Das Interview führte Sarah Janczura.

Über den VDI Young Engineers Kongress

„Gemeinsam für die Zukunft“ – Vier Tage voller Inspiration, Wissen und Netzwerkmöglichkeiten warten. Gemeinsam setzen wir uns mit hochkarätigen Unternehmen auseinander, diskutieren über das VDI-Fokusthema "Klimaanpassung" und erkunden innovative Ansätze bei spannenden Exkursionen. Freue Dich auf eine interaktive Podiumsdiskussion, knüpfe wertvolle Kontakte und gestalte mit uns die Zukunft der Ingenieurskunst.

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 Young Engineers Kongress 2024

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