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Corona
Messverfahren zur Seuchenbekämpfung

Ad hoc den Gesundheitszustand eines Menschen erfassen

Bild: Fraunhofer IPA

Nun stehen erste Lockerungen in puncto Eindämmung der Corona-Pandemie an. Allerdings bringt dieser gewagte Schritt in Richtung mehr Freiheit auch neue Entwicklungen mit sich. Einen besonderen Aspekt, der uns mehr und mehr im Alltag begegnet, stellen Methoden dar, die den Gesundheitszustand eines Menschen erfassen.

Es gibt bereits einige Unternehmen, die bei Mitarbeitern und Besuchern die Körpertemperatur messen, sobald sie das Firmengelände betreten. Wer den Wahlkampf in Südkorea verfolgt hat, weiß, dass sich das Messen der Körpertemperatur auch während des Urnengangs durchführen lässt – wen wundert es, dass inzwischen selbst Museumsbetreiber und Restaurantbesitzer darüber nachdenken, bestimmte Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus einzusetzen. Also könnte Fiebermessen bald unser Alltagsbild prägen – vielleicht sind es letztlich sogar noch weitere Analysen.

Der eine oder andere Hersteller von Thermografiekameras dürfte sich in diesen Tagen freuen. Manch ein Anbieter verzeichnet derzeit nämlich eine vermehrte Nachfrage nach seinen Lösungen. Obwohl die Fieberdiagnose mit Thermografiekameras an einige Voraussetzungen geknüpft und auch bei ordnungsgemäßer Durchführung mit Unsicherheiten behaftet ist, können diese Geräte bei der Vorauswahl von Personen für eine präzisere Untersuchung unterstützen.

Es existieren sehr hohe Anforderungen an die Wärmebildkameras

Hierbei sei es „wichtig, die spezifizierte Messunsicherheit der Kameras bei der Bewertung der Ergebnisse zu berücksichtigen und die Messung unter den in DIN EN 80601-2-59 festgelegten Bedingungen, also in der Augenhöhle, durchzuführen“, sagt Dr.-Ing. Erik Marquardt von den VDI-Fachbereichen Optische Technologien und Produktionstechnik und Fertigungsverfahren. Die thermografische Fieberdetektion stellt folglich sehr hohe Anforderungen an die Wärmebildkameras.

Die Analyse funktioniert nur, wenn der zu untersuchende Mensch keine Brille trägt. Der Grund laut Marquardt: „In dem Bild sieht man auch, dass die Stirn deutlich kühler ist. Die gemessene Temperatur auf der Stirn kann sich durch die Verdunstung von Schweiß, durch körperliche Anstrengungen oder durch den Aufenthalt in besonders kalten oder warmen Räumen verändern“. Im Vergleich hierzu sei die Messung in der Augenhöhle, an der eine gut durchblutete Ader vorbeiläuft, viel aussagekräftiger.

Den Gesundheitszustand von geschwächten Menschen nicht noch mehr ins Schwanken bringen

In Krankenhäusern sind Eingangskontrollen längst nichts Besonderes mehr, da sie in der aktuellen Lage Pflicht geworden sind. Betreiber müssen folglich so gut wie möglich ausschließen, dass Patienten, Besucher oder Angestellte den Krankheitserreger hineintragen und am Ende all jene Menschen gefährden, die ohnehin schon sehr geschwächt sind. In diesem Kontext stellt Thermografie eine ideale Analysemethode dar, da sich sowohl einzelne Personen als auch größere Gruppen scannen lassen.

Vor dem Haupteingang des Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart testen derzeit die Fraunhofer-Institute IPA und IAO zusammen mit den Medizinern ein Verfahren, das die Eingangskontrollen vereinfachen soll: Das Verfahren misst alle relevanten Parameter aus einer Entfernung von einem Meter. Dem Mitarbeiter, der die Messung mit einem Notebook durchführt, ist es möglich, den geforderten Mindestabstand von anderthalb bis zwei Metern einzuhalten.

Neben der Körpertemperatur auch die Herz- und die Atemfrequenz analysieren

Das Fraunhofer-Verfahren misst nicht nur die Körpertemperatur mit einer Thermokamera, sondern auch die Herz- und die Atemfrequenz mit Hilfe von Mikrowellen. Ein Radarmodul mit Mikrodopplerverfahren kommt dabei zum Einsatz. Das Forscherteam prüft derzeit vor Ort, ob und wie genau das Messverfahren den von Krankenpflegern im Eingangsbereich erhobenen Daten entspricht und ob der Ablauf überhaupt praktikabel ist. Das Verfahren wurde in kurzer Zeit entwickelt und soll einen Beitrag zur Eindämmung der Corona-Pandemie leisten.

Inwiefern die vorgestellten Maßnahmen tatsächlich helfen, lässt sich momentan noch nicht absehen. Wir sollten uns allerdings darauf einstellen, dass derartige Untersuchungen zunehmen werden. Im Umfeld von Krankenhäusern und Seniorenwohnheimen sind sie absolut sinnvoll. Ob Fiebermessungen aber auch Geschäftsinhaber und deren Gäste beziehungsweise Besucher mehr schützen, mag fraglich sein. Schließlich ist immer noch nicht geklärt, wie sehr infizierte Menschen andere anstecken, obwohl sie gar keine Symptome zeigen. Insofern ist das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung eine sehr gute Maßnahme, um die Ausbreitung von Covid-19 einzudämmen.

Autor: Frank Magdans

Ansprechpartner im VDI:
Dr.-Ing. Erik Marquardt
VDI-Fachbereiche Optische Technologien und Produktionstechnik und Fertigungsverfahren
E-Mail-Adresse: marquardt@vdi.de

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