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Sicherheit von Porenbeton-Decken

„Wir können uns eine solche Situation in Deutschland nicht vorstellen“

Bild: Westend61 via Getty Images

In Großbritannien gab es zahlreiche Medienberichte, die vor Gefahren durch möglicherweise einsturzgefährdete Decken aus Porenbeton warnten. Anfang September wurde die Debatte besonders heftig geführt, weil die britische Regierung auf Nummer sicher gehen wollte und deshalb rund 150 Schulgebäude sehr kurzfristig schließen ließ.

Die Aufregung in Großbritannien führte auch in Deutschland zu Fragen, zu denen Torsten Schoch, Vorstandsmitglied, Vorsitzender des Technischen Ausschusses und Generalsekretär des Europäischen Porenbetonverbandes (EAACA) für den VDI Stellung nimmt.

Warum wurden im Vereinigten Königreich Schulen geschlossen?

Vor allem bewehrte Dachplatten geringer Dicke, die in den 1960-1980er Jahren als einschalige Dachkonstruktionen in Schulen verbaut worden sind, gelten überwiegend durch fehlerhafte Anwendungen als eine mögliche Gefahrenquelle. Bekannt sind zwei Fälle, bei denen es infolge von Umbauarbeiten zum Versagen einzelner Platten kam.

Das britische Bildungsministerium hat bisher mitgeteilt, dass 174 Schulen mit bewehrten Porenbetondecken (RAAC) ausfindig gemacht worden sind. Für einige dieser Schulen wurden provisorische Unterkünfte eingerichtet, damit der persönliche Unterricht fortgesetzt werden kann. Etwa 85 % der betroffenen Schulen bieten auch weiterhin Präsenzunterricht an.

Die Untersuchungen für Krankenhäuser und andere öffentliche Einrichtungen sind noch nicht abgeschlossen.

Die nach bisheriger Studienlage bekannten Ursachen für die Verschlechterung des Zustandes dieser bewehrten Porenbetonplatten, deren zu erwartende technische Lebensdauer sich üblicherweise nicht von anderen massiven Konstruktionsteilen unterscheidet, sind:

  • Übermäßige Beanspruchung während Wartungsarbeiten
  • Unsachgemäßes Kürzen von Platten, Zurückschneiden der Bewehrung
  • Versagen der Dachabdichtung und infolgedessen eindringendes Wasser

Als Hauptursache der Vorkommnisse gilt die unsachgemäße Auflagerung durch zu kurze Auflagerlängen und/oder sogar durch das Weglassen von Auflagern.

Was ist RAAC

Der als RAAC bezeichnete Baustoff ist mit Stahl bewehrter Porenbeton. Porenbeton ist ein Baumaterial, das in der Regel aus Natursand, Kalk, Zement und Wasser hergestellt wird. Durch Zugabe eines Treibmittels erhält der das Material bei der Herstellung eine Porenstruktur, die sehr gute thermische und akustische Eigenschaften bei geringem Gewicht ermöglicht.

Um den Baustoff auch in Bauteilen wie Dächern und Decken, wo er Biegespannung ausgesetzt ist, einsetzen zu können, ist eine korrosionsgeschützte Bewehrung zu verwenden, wie sie auch von Stahlbetonbauteilen bekannt ist. Bewehrter Porenbeton ist seit 1958 in Deutschland als genormtes Produkt auf dem Markt und verfügte für bestimmte Anwendungen im Dach- und Deckenbereich über bauaufsichtliche Zulassungen.

Moderne bewehrte Porenbetonelemente müssen die Qualitätsanforderungen der europäischen Baustoff- und Konstruktionsnorm EN 12602 erfüllen, die in den 1990er Jahren entwickelt und 2008 veröffentlicht wurde.

Ist RAAC ein dauerhaftes Baumaterial?

Ja, das ist es. Porenbeton wurde in den 1920er Jahren entwickelt und wird seitdem in Millionen von Gebäuden auf der ganzen Welt eingesetzt. Bewehrter Porenbeton wird seit den 1950er Jahren verwendet. Die Langlebigkeit von Porenbeton ergibt sich aus seiner stabilen mineralischen Struktur. Ein wesentlicher mineralischer Bestandteil ist das auch in der Natur vorkommende Tobermorit, das strukturell zu den Ketten- und Bandsilikaten gehört. Untersuchungen zeigen, dass sich die Eigenschaften von Porenbeton auch über einen sehr langen Zeitraum von mehr als 80 Jahren nicht verändern.

VDI-Richtlinie zur Standsicherheit von Bauwerken

Wie für alle anderen Baumaterialien ist jedoch auch für RAAC wichtig, dass die Gebäude durch Instandhaltungsmaßnahmen in einem guten Zustand gehalten und Wartungsarbeiten durch fachkundiges Personal ausgeführt werden. In vielen europäischen Ländern ist es die Pflicht des Bauherrn, Gebäude so zu errichten und zu warten, dass die öffentliche Sicherheit und Ordnung, insbesondere das Leben, die Gesundheit und die natürlichen Lebensgrundlagen, gewährleistet werden.

In Deutschland findet die Richtlinie VDI 6200 „Standsicherheit von Bauwerken - Regelmäßige Überprüfung“ große Anwendung, um der vorgenannten Bauherrenpflicht nachzukommen.

Besteht auch in Deutschland die Gefahr, dass RAAC-Dächer einstürzen?

Wir können uns eine solche Situation in Deutschland derzeit nicht vorstellen. Nach unserem Kenntnisstand gibt es in Deutschland keine vergleichbaren Probleme mit bewehrten Elementen aus Porenbeton.

Im Gegenteil, unser Europäischer Verband hat Porenbeton als eines der sichersten Baumaterialien für den Verbraucher identifiziert, sowohl in Bezug auf die Gesundheit als auch auf Umweltauswirkungen. Vor allem Deutschland war ein Vorreiter bei Sicherheitslösungen.

Worauf sollten Hauseigentümer achten?

Das hängt von dem jeweiligen Gebäude, seiner Umgebung und dem verwendeten Material ab.

Im Rahmen ihrer Verkehrssicherungspflicht sollten die Hauseigentümer generell auf den baulichen Zustand von Konstruktionsteilen achten. Bei Dächern ist vor allem durch visuelle Kontrollen (z.B. im Abstand von 3 – 5 Jahren) auf das Eindringen von Wasser, übermäßige Durchbiegungen der Bauteile oder Rissbildungen zu achten, und zwar unabhängig vom verwendeten Baustoff. Sollen die Dächer umgebaut werden oder, wie heute sehr oft der Fall ist, zusätzliche Lasten über z.B. Photovoltaikanlagen, aufgebracht werden, ist fachkundiges Personal mit einzubeziehen. Die Platten aus dem in Rede stehenden Zeitraum sind in aller Regel für solche Zusatzlasten nicht ausgelegt. Gleiches gilt, wenn beispielsweise Gründächer appliziert oder zusätzliche Schwächungen der Struktur mittels Bohrungen vorgesehen werden sollen.

Zahlreiche technische Berater der Porenbetonindustrie stehen den Hauseigentümern gern mit Rat und Tat zur Seite.

Autor:
Torsten Schoch, 
Vorstandsmitglied, Vorsitzender des Technischen Ausschusses und Generalsekretär des Europäischen Porenbetonverbandes (EAACA) 

Fachlicher Ansprechpartner:
Dipl.-Ing. (FH) Frank Jansen
Geschäftsführer VDI-Gesellschaft Bauen und Gebäudetechnik
E-Mail: jansen_f@vdi.de

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