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Allgemein, Deutschland 2030

Für Städte mit gesunden Lebensadern: Expertenrat gegen den Verkehrsinfarkt

Bild: metamorworks / Shutterstock.com

Städte sind Wachstumsmotoren und Zentren der Produktivität. Gleichzeitig sind sie dicht bevölkert und das Platzangebot ist begrenzt. Logistik und Mobilität müssen daher umso reibungsloser funktionieren. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Lebensadern der Städte verstopfen immer mehr, weil Personen- und Lastenverkehr zunehmen. Die VDI-Initiative „Stadt:Denken“ liefert Empfehlungen und Impulse.

Mobilität und Transport gelten als Hauptverursacher des Klimawandels. Gerade in den Städten, wo sich auch der Verkehr ballt, müssen Fortbewegung und Güterversorgung ökologisch vertretbar werden, verbrauchergerecht bleiben und zugleich wieder flüssig funktionieren.

Der Verein Deutscher Ingenieure gibt eine Reihe von Empfehlungen, die vor allem auf intelligente Logistikkonzepte und vernetzte Mobilitätsangebote setzen. Doch was verbirgt sich hinter diesen wolkigen Begriffen – ein Überblick zu möglichen Lösungsansätzen:

Die Herausforderungen der urbanen Logistik meistern

Das veränderte Kaufverhalten der Bevölkerung stellt die Logistikbranche vor neue Herausforderungen. Durch den Onlinehandel nimmt der Lieferverkehr dramatisch zu, vor allem auf der letzten Meile. Der Kunde möchte sich seine Bestellung, und sei sie auch noch so klein, am liebsten bis an die Haustüre liefern lassen. Das führt zu einer weiteren Belastung der ohnehin schon durch den Personenverkehr überfüllten Straßen. Größere Lieferfahrzeuge kommen entweder gar nicht erst ans Ziel oder werden selbst zum Verkehrshindernis, zum Beispiel, wenn sie eine Einbahnstraße in der Innenstadt blockieren.

Innovative Warenübergabesysteme schaffen hier Abhilfe: Schon heute bieten wohnortnahe Paketshops oder Packstationen die Möglichkeit, die bestellten Waren flexibel abzuholen und im Bedarfsfall auch wieder zurückzusenden. Eine andere Form sind sogenannte temporäre Lagerstätten: Container, die tagsüber und/oder nachts an mehreren Stellen in der Stadt aufgestellt werden, fungieren als Mini-Verteilzentren.

Zusteller auf elektrifizierten Lastenfahrrädern holen die Waren dort ab und liefern sie aus. Durch den Einsatz in den Nachtstunden tragen sie zu einer Entzerrung der Verkehrssituation bei. Sie verbrauchen zudem viel weniger Platz, sind deutlich klimafreundlicher und außerdem fast geräuschlos. Auch leerstehende Gebäude oder Parkhäuser eignen sich als Lagerstätten für die Feinverteilung von Waren in der Stadt. Sie können zudem die innerstädtische Ladeinfrastruktur für die Elektromobilität verbessern, wenn Ladestationen installiert werden.

Die Paketauslieferung ist nur ein Beispiel für urbane Logistik. Auch andere Bereiche, wie die Belieferung des Einzelhandels oder der Personenverkehr brauchen dringend innovative Konzepte.

Busse, Bahnen und Bikes kombinieren

Busse, Bahnen und Elektromobilität auf zwei oder vier Rädern müssen sich künftig optimal aufeinander abstimmen. Dazu braucht es ein in sich schlüssiges, klimafreundliches Mobilitätskonzept, das alle einschließt. Und genau das wünschen sich viele Stadtbewohner, wenn sie an eine effiziente und emissionsarme innerstädtische Fortbewegung denken.

In den Städten von heute sieht es überwiegend noch anders aus: Der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV)  schreckt durch einen undurchschaubaren Tarif-Dschungel mit unattraktiven Konditionen und Unpünktlichkeit ab. Was nützen etwa elektronische Anzeigetafeln, wenn die dort angekündigten Ankunftszeiten von Bussen und Bahnen mit der Realität nichts zu tun haben? Dabei bieten gerade die Städte auf Grund der hohen Bevölkerungsdichte und der zunehmend vielfältigen Mobilitätsangebote die besten Voraussetzungen für ein effizient vernetztes Verkehrssystem: Echtzeit-Fahrplaninformationen, Ticketkauf und Car- oder Bikesharing per App – hier gibt es schon gute Ansätze. Doch die stehen meistens für sich allein.

Die eigentliche Kunst liegt darin, die einzelnen Verkehrsangebote einfach und sinnvoll miteinander zu vernetzen. Hier gibt es noch viel zu tun. So kann der ÖPNV attraktiver werden, wenn Busse und Bahnen enger getaktet fahren und die Bus- und Bahngrößen dem tatsächlichen Transportaufkommen angepasst werden. Zudem müssen Ankunfts- und Abfahrtszeiten besser als bisher aufeinander abgestimmt werden.
 
Menschen in der Stadt nutzen unterschiedliche Verkehrsangebote für verschiedene Wege oder kombinieren sie: zuerst ein Stück zu Fuß gehen, dann mit der U-Bahn fahren und zum Schluss noch das Bikesharing-Angebot nutzen – Flexibilität ist Trumpf. Stationsunabhängige Angebote sind besonders interessant, denn oft steht das gewünschte Auto oder Rad gleich um die Ecke – wenn man es denn weiß. Deswegen wird das Smartphone zum zentralen Auskunfts-, Buchungs- und Ortungsmedium im vernetzten Stadtverkehr.

Schon die Vernetzung macht die Mobilität im Idealfall deutlich emissionsärmer. Doch das reicht vor dem Hintergrund der gesetzten Klimaziele wahrscheinlich nicht aus.

Entlastung findet Stadt

Der Individualverkehr, bestehend aus Autos und LKWs mit Verbrennungsmotoren, macht in den meisten Städten nach wie vor den größten Anteil am Gesamtverkehrsaufkommen aus. Gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels wächst die Nachfrage nach emissionsarmer urbaner Mobilität stetig. Alternative Antriebsformen wie Hybrid- oder Voll-Elektro-Fahrzeuge leisten einen Beitrag, egal ob als Pkw, Roller oder Fahrrad. Je nach Bedarf oder Geldbeutel ist für Jeden eine klima-freundliche Variante dabei. Elektrofahrzeuge haben eine kürzere Reichweite und sind damit für die innerstädtische Nutzung die erste Alternative zu Fahrzeugen mit klassischem Verbrennungsmotor. Doch das gilt nicht nur im Individualverkehr:

Auch in der Logistikbranche steigt der Anteil von Fahrzeugen mit alternativen Antrieben. Ziel ist es, das Lastenverkehrsaufkommen möglichst effizient und emissionsarm zu bewältigen, ein Wettbewerbsvorteil für Unternehmen, die hier eine Vorreiterrolle übernehmen. Den größten Vorteil haben jedoch die Stadtbewohner selbst: ihre Straßen und die Luft werden im wahrsten Sinne des Wortes entlastet.

Weitere fachbezogene Informationen liegen als Richtlinien und Publikationen der VDI-Gesellschaften Produktion und Logistik, Fahrzeug und Verkehrstechnik sowie der VDI/DIN-Kommission Reinhaltung der Luft (KRdL) - Normenausschuss vor.

Hier erhalten Sie die VDI-Initiative Stadt:Denken 2019 als Download.

An der VDI-Initiative Stadt:Denken haben neben haupt- und ehrenamtlichen Experten des VDI auch Vertreter aus Hochschulen und Unternehmen sowie Stadtentwickler und Kirchenrepräsentanten mitgewirkt.

Autorin: Alice Quack
Redaktion: Thomas Kresser