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Achterbahn in Zeitlupe - zu Besuch im Porsche-Werk Leipzig

Bild: VDI Leipzig

Wer beim "Türen abschlagen" an Verschrottung denkt oder meint bei "Medienbefüllung" handele es sich um Social-Media-Beiträge, der irrt. Jede Menge neue Terminologie begegnete mir bei der Führung durch das Porsche-Werk Leipzig. Was mir und den anderen Teilnehmenden bei der ausgebuchten Begehung sonst so begegnete und was mit der Achterbahn gemeint ist, lesen Sie in diesem Kurzbericht.

Schon der Weg zum Werk war einen Ausflug wert. Nicht nur werden das Werk und die Nachbarn im Gewerbegebiet von Wiesen, Weiden, Büsche und Feldern umgeben, sondern solche Flächen gehören zum Porsche-Gelände. Auf dem naturbelassenen Off-Road-Gelände weiden Auerochsen und Ponys und auch Bienenvölker wurden angesiedelt. Den Porsche-Honig "Turbienchen" kann man im Shop erwerben. Bereits seit 2002 ist das Werk in Betrieb, seitdem wurde es stetig erweitert. Zwei Porsche-Modelle werden hier - und nur hier in Leipzig - gebaut: der Panamera und der Macan. Sollte Ihnen also in New York, Rio oder Tokio ein Panamera auf der Straße begegnen, dann kommt er wie Sie aus Leipzig! Außerdem teilt sich eine Bentley Karosse die Plattform, Endmontage erfolgt allerdings in England.  

Erste Fakten erhielten wir bereits vor Beginn der Führung am Treffpunkt im Experience-Center von Frank Reichel mitgeteilt. Er wird uns sachkundig, angenehm und mit vielen Anekdoten durch das Werk begleiten. "500 Fahrzeuge verlassen pro Tag das Werk, jedes von ihnen ein Einzelstück, erzählt er uns "2/3 der Produktion beginnen ihren Weg zum Kunden per Bahn, 1/3 wird mit dem Lastwagen abgeholt." 5.500 Mitarbeiter hat der Standort Leipzig, bei 10% liegt der Frauenanteil. Weitere 1.300 Personen sind bei Zulieferern und Partnerfirma in der Region beschäftigt. Ein Mega-Arbeitgeber für Leipzig und das Leipziger Land.

Mit Kopfhörern und Receiver ausgestattet betraten wir nach kurzem Weg über das Gelände, die Montagehalle. Erste Überraschung: die Geräuschkulisse. Die Montagestrecke ist akustisch erstaunlich leise, das lauteste im Werk waren die umherfahrenden Routenzüge, die Materialien von A nach B und an die Produktionsstrecke bringen. Auch der Geruch überrascht. Beim Betreten der Halle riecht es kurz nach Gummi und Benzin. Kein Wunder: Die Führung beginnt am Ende der Montagelinie, hier werden die fertigen Fahrzeuge abgesetzt und fahren in den Teststand - erst Techniktest, dann Rollstand, Fahrt auf der Teststrecke und Beregnungsanlage. Danach riecht es eigentlich nur noch an einer Stelle dominant. Und zwar nach lecker Essen. Auch das kein Wunder, denn hier wird täglich frisch für die Belegschaft gekocht und unsere Führung startete quasi pünktlich zur "Mittagspause der Spätschicht".

So gut wie es riecht so sauber ist es überall. Ölverschmierte Werker oder Müll bekommen wir nicht zu sehen. Dafür viel Automatisierung und Robotikunterstützung. Wir sehen die Hebehilfen an der Linie bei allen Teilen über 15 kg, schauen KUKA-Robotern beim Auftragen von Fensterkleber und dem anschließenden Fenstereinsetzen zu und wohnen natürlich der vollautomatisierten Verlobung und anschließenden Hochzeit von Fahrgestell mit Antrieb und Karosserieaufsatz bei. Der Automatisierungsgrad ist mit 80 bis 90% im sog. "Karobau" am höchsten.

Überall Präzision zum Anschauen: Wir befinden uns mitten in einer "Achterbahn in Zeitlupe". Von oben senken sich die Karosserien herab, ebenerdig ziehen die Fahrzeuge an uns vorbei, werden für die Unterbaumontage auf die Seite gedreht und fliegen über unsere Köpfe hinweg.

"An der Montagelinie wird im 2-Minuten-Takt gearbeitet" erzählt uns Frank Reichel. Dabei gilt das Rotationsprinzip. Nach spätestens 45 Minuten gibt es eine kurze Pause und danach wird gewechselt, um den Körper zu entlasten und Gesundheitsschäden durch einseitig belastete Körperhaltungen zu vermeiden. Die Teams organisieren sich dabei selbst. "Und wer sofort den Platz wechseln möchte, ruft laut "Wechsel" und die Rotation beginnt. Überhaupt wird für die Gesundherhaltung der Mitarbeitenden viel getan. Ein speziell auf die Bedürfnisse angepasster Stuhl auf Rollen, der bei der Unterbaumontage das Überkopfarbeiten unterstützt, wurde mit den Werkern gemeinsam entwickelt. An vielen Stellen gibt es Pauseninseln als Rückzugsorte und zum Ausspannen. Abschließend erfahren wir noch etwas über das Ausbildungsprogramm bei Porsche. 30 Lehrlinge werden jährlich in Berufen wie Industriemechaniker und Fahrzeug-Mechatroniker ausgebildet. Die diesjährigen Azubis werden alle von Porsche übernommen.

Übrigens: Beim "Türen abschlagen" wird nichts verschrottet. Hierbei werden die zuvor für die Lackierung angebrachten Türen vorübergehend wieder abmontiert um eine größere Öffnung für das Einbringen von Innenraumausstattung (Sitze, Armaturen...) zu schaffen. Während diese Teile verbaut werden, verschwinden die Türen ins Obergeschoss per Aufzug und werden zu einem späteren Zeitpunkt wieder automatisiert an die Linie und das richtige Fahrzeug geliefert. Mit "Medienbefüllung" ist die Befüllung mit sämtlichen Flüssigkeiten gemeint, die das Fahrzeug braucht: Bremsflüssigkeit, Wasser, Treibstoff...

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