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Interview zum Muttertag

„Es ist okay, auch mal anders zu sein“

Carmen Tesch-Biedermann hat Physik studiert, ist Patentanwältin und ehrenamtlich engagiert. Sie leitet den VDI-Arbeitskreis „Frauen im Ingenieurberuf“ in München. Gleichzeitig ist sie Mutter. Im Interview spricht sie über die Werte, die ihr bei der beruflichen Karriere stets geholfen haben, welche Hürden es im Studium gab, und wie wichtig das Loslassen von Stereotypen ist.

VDI: Frau Tesch-Biedermann, was schätzen Sie am meisten an Ihrer Mutter? Welche Werte geben Sie an Ihr Kind weiter?

Tesch-Biedermann: Ich habe von meiner Mutter viele Dinge gelernt. Dazu gehört vor allem Gradlinigkeit, Zielstrebigkeit und Hartnäckigkeit. Das sind alles Eigenschaften, die mich damals dazu befähigt haben, mein manchmal doch sehr forderndes Physik-Studium durchzuziehen. Meine Mutter hat mir aber auch Offenheit vermittelt, Offenheit für Neues und damit auch für einen gewissen Pioniergeist. Dabei ist es dann okay, auch mal anders zu sein und falls nötig auch mal anzuecken. All dies sind Eigenschaften, die auch meine Mutter auszeichnen.

VDI: Die vermittelten Werte Ihrer Mutter haben Sie also gerade in der beruflichen Laufbahn nach vorne gebracht. Hat Ihre Mutter denn auch von Anfang an Ihren Berufswunsch Physikerin unterstützt?

Tesch-Biedermann: Nein, das hat sie überhaupt nicht. (schmunzelt) Meine Eltern haben beide beruflich keinen technischen Hintergrund. Sie kommen aus dem kaufmännischen und medizinischen Umfeld. Physik war ihnen sehr fremd. Dass die eigene Tochter Physik studieren möchte, fand meine Mutter zunächst sehr unweiblich. Heute kaum vorstellbar: Sie hat sich ernsthaft Gedanken gemacht, ob man damit überhaupt einen Mann bekommt - auch wenn die Männerauswahl natürlich gerade im Physikstudium sehr groß gewesen wäre! (Augenzwinkern)

Ich wusste jedoch schon sehr früh, dass ich Physik studieren wollte, und zwar schon drei Jahre vor meinem Abitur. Meine Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit, an dem Studienwunsch festzuhalten, haben dazu geführt, dass meine Mutter mich hat machen lassen. Später fand sie mein Studium dann richtig gut. Sie hat dann auch gesehen, dass Naturwissenschaften und Weiblichkeit sich nicht ausschließen.

VDI: Also war Ihr naturwissenschaftlicher Weg schon als Kind recht klar?

Tesch-Biedermann: Ja, das stimmt. In meiner Kindheit fanden die ersten Spaceshuttle-Flüge statt. Die Bilder von den Starts und Landungen im Fernsehen haben mich fasziniert. Alles zum Thema Weltraum und Raumfahrt fand ich super spannend! Für den Beruf Astronautin war ich dann allerdings doch nicht mutig genug. Aber das Thema Astronomie ließ mich nicht mehr los. Um das zu studieren, brauchte man allerdings vorher das Physikstudium. So fing ich es an.

VDI: Nach Ihrem Studium waren Sie einige Zeit in der Forschung tätig, sind dann aber in die juristische Richtung gewechselt. Wie kam es zu dem Umbruch?

Tesch-Biedermann: Das war offen gesagt ein Richtungswechsel, der den schlechten Frauenquoten geschuldet war. Ich wollte nach meinem Studium im Grunde meines Herzens Physikprofessorin werden. Meine Promotion lief auch sehr erfolgreich. Allerdings war meine Doktormutter selbst noch in den Anfängen ihrer Karriere. Ich merkte dann auch bald, dass man für eine Wissenschaftlerkarriere einen Doktorvater oder eine Doktormutter brauchte, der oder die einen so platzieren konnte, dass die Chance auf eine Professur gut greifbar war. Die Chancen für eine Frau waren zu meiner Zeit (also vor rund 20 Jahren) aber um einen Faktor 9 schlechter als bei einem Mann mit gleicher Qualifikation. Außerdem sah ich, wie beschwerlich die wissenschaftliche Karriere meiner Doktormutter im Vergleich zu der ihres Partners verlief. Diese Tatsache und der Faktor 9 haben mich davon abgehalten, mich auf diesen Weg zu begeben.

Gleichzeitig hatte ich mich aber auch sehr für Wirtschaftsfragen interessiert. Alles, was mit Projektmanagement und Vertrieb zu tun hatte, machte mich neugierig. Daher arbeitete ich nach der Promotion als Vertriebsmanagerin im Umfeld von Audi, wo ich enorm viel lernen konnte, aber leider sehr weit von der Physik entfernt war. Ich wollte dann bald doch einen Beruf, der mich wieder näher an die Physik brachte, ohne dass ich selbst ins Labor gehen musste. So bin ich auf den Beruf der Patentanwältin gekommen. Hier arbeite ich nun genau an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft, Technik und Recht.

VDI: Neben Ihrem Beruf sind Sie ja noch in vielen ehrenamtlichen Kreise aktiv – u.a. auch für den VDI-Arbeitskreis der Frauen im Ingenieurberuf in München. Wie schaffen Sie es, Ihr berufliches und ehrenamtliches Leben mit Ihrer Familie zu vereinen?

Tesch-Biedermann: Viele Dinge, die ich mache, sind von Begeisterung getrieben. Daher fällt es mir leicht, sie durchzuziehen, obwohl sie natürlich auch anstrengend sind. Ich hole mir Unterstützung an den Stellen, wo ich sie gut gebrauchen kann. Das betrifft vor allem Dinge im Haushalt. Hier kann ich die Stunden, die man sonst mit Hausarbeit verbringt, sehr gut in Anderes investieren. Auch wenn die eigenen Eltern in der Nähe sind, geht vieles leichter. Das ist bei uns leider nicht so. Aber da, wo fitte Großeltern sind, sind meist auch mehr Kinder. Leider habe ich nur ein eigenes Kind – aber bei dem damals sehr reiseintensiven Beruf des Vaters wären für mich zwei Kinder quasi im Alleingang eine zu große Herausforderung gewesen. Bei den meisten Karrieren spielt die Partnerwahl eine große Rolle. Voraussetzung für eine „echte“ Karriere ist, dass der Partner zuhause unterstützt und auch zeitlich dazu in der Lage ist. Das macht die Sache sehr viel leichter. Manche Stimmen sagen sogar, die Partnerwahl sei die wichtigste Karriereentscheidung überhaupt!

VDI: Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation: Haben Kinder und Jugendliche es heute leichter als vor ein paar Jahren, sich frei zu entwickeln?

Tesch-Biedermann: In mancher Hinsicht ist das sicherlich so, aber ich finde einige Entwicklungen derzeit auch sehr beunruhigend. Die genderspezifische Verfestigung bei Spielzeug oder Kleidung für Kinder sehe ich sehr kritisch. Hier wird eine Geschlechtertrennung in Bereichen praktiziert, die unnötig ist - rosa oder blaue Bausteine je nach Geschlecht müssen einfach nicht sein! Solche Dinge sind meiner Meinung nach sehr kontraproduktiv, wenn man doch eigentlich seine Kinder gerne wählen lassen und sich frei entwickeln lassen möchte. Eine freie Entwicklung ist mir auch bei meinem Sohn sehr wichtig. Momentan interessiert er sich mit 10 Jahren sehr für Mathematik, was mich natürlich freut. Aber wenn er irgendwann Ballett tanzen möchte, ist das für mich auch mehr als nur in Ordnung. Ich versuche ihm Offenheit weiterzugeben – für Menschen, für verschiedene Ansichten, Interessen, Schulfächer. Ich ermutige ihn, immer neugierig zu bleiben und Dinge zu hinterfragen – und nicht alles ihm Vorgesetzte einfach nur hinzunehmen.

VDI: Welchen Tipp möchten Sie explizit angehenden Ingenieur*innen und Naturwissenschaftler*innen mit auf den Weg geben?

Tesch-Biedermann: Neben Offenheit und Neugierde den Hinweis: In kritischen Situation Ruhe bewahren - nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Also bei wichtigen Zielen dranbleiben, sich nicht entmutigen lassen und die eigene Urteilsfähigkeit als Kompass für Entscheidungen nutzen. Außerdem sollte sich frau auf keinen Fall von einem technisch-naturwissenschaftlichem Studium abhalten lassen, weil es angeblich nicht zu einem passt. Ich bin der Meinung, dass man als Frau nach wie vor ein gewisses Standing braucht, um zu sagen: „Ich studiere Ingenieurwissenschaften.“ Dabei hat man damit unglaublich viele berufliche Möglichkeiten: ob man in die Wirtschaft geht, im Labor arbeitet oder als Beraterin tätig ist. Vor diesem Hintergrund möchte ich junge Frauen gern ermutigen, in die Ingenieurwissenschaften oder Naturwissenschaften zu gehen und dabei ihren eigenen Weg zu finden.

Interview: Hanna Büddicker

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